15. Mai 2013
Wie kann materielle Kultur als soziales Gedächtnis einer Gesellschaft dienen?
Forschungsprojekt am ZZF Potsdam gestartet - gefördert von der VolkswagenStiftung
Am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) ist in diesem Monat ein Projekt gestartet, das in den nächsten drei Jahren die materielle Kultur als soziales Gedächtnis einer Gesellschaft erforscht. Die Bearbeiter der beiden Teilprojekte werden für ihre Forschungen die Sammlungen zur materiellen Kultur der DDR im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt als Quellenfundus mit exemplarischen Fragestellungen erschließen. Das Projekt wird gefördert von der VolksagenStiftung im Rahmen der Förderinitiative "Forschung in Museen". Am ZZF Potsdam ist das Forschungsprojekt in der Abteilung V "Zeitgeschichte der Medien- und Informationsgeschichte" angesiedelt.
Die materielle Kultur des Alltags ist thematisch und typologisch breit angelegt, ihre Aussagekraft für zeitgeschichtliche Fragestellungen ist in Deutschland jedoch kaum zur Kenntnis genommen worden. Das Projekt versucht deshalb mit einem Brückenschlag zwischen musealer und zeitgeschichtlicher Forschung die unterschiedlichen Perspektiven in Verbindung zu setzen. Ziel ist es, ihre wissenschaftliche Qualität als Repräsentationen eines sozialen Gedächtnisses im Kontext von Museumsarbeit und öffentlicher Erinnerungsdebatte zu entwickeln.
In zwei Teilprojekten, bearbeitet von Dr. Andreas Ludwig und Anna Katharina Laschke, werden die Repräsentation von Herrschaft in der materiellen Alltagskultur sowie die sozialgeschichtliche Dimension der Alltagsobjekte und ihre Einbettung in unterschiedliche Lebensstile und Lebensweisen untersucht. Eine internationale Tagung zum Forschungsstand sowie die Möglichkeit von Forschungsaufenthalten zur Arbeit in den Sammlungsbeständen sind Teil des Projekts.
08. Mai 2013
In London diskutieren Wissenschaftler über die Macht von dokumentarischen Fotos
Vom 23. bis 25. Mai 2013 findet am German Historical Institute in London die Tagung "The Ethics of Seeing. 20th Century German Documentary Photography Reconsidered" statt. Gegenstand der von Paul Betts (University of Sussex), Jennifer Evans (Carleton University, Ottawa) und Stefan-Ludwig Hoffmann (University of California, Berkeley) in Kooperation mit dem ZZF Potsdam veranstalteten Konferenz ist die Frage, in welcher Weise dokumentarische Fotografien als politisches und moralisches Element fungierten und wie sie die kollektive Erinnerung an Ereignisse des 20. Jahrhunderts prägten. Beteiligte ZZF-Wissenschaftler sind Annelie Ramsbrock mit einem Vortrag über “Injured Faces, Contested Pictures. Medical Photography and Weimar Visual Culture” sowie Thomas Lindenberger und Annette Vowinckel als Kommentatoren zu den Panels "Eigensinn and Subculture" bzw. "Seeing the Subject" ). Das vollständige Programm findet sich unter www.ethicsofseeing.com.
07. Mai 2013
Christiane Lahusen schließt Promotionsarbeit zum Thema „Zurück in die Zukunft – Autobiographische Sinnstiftungen von DDR-Geisteswissenschaftlern nach 1989/90“ ab
Mit der Gesamtnote "magna cum laude" verteidigte Christiane Lahusen am 26. April 2013 am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin ihre Dissertation zum Thema „Zurück in die Zukunft – Autobiographische Sinnstiftungen von DDR-Geisteswissenschaftlern nach 1989/90“.
In der Arbeit untersucht Lahusen die narrativen Sinnstiftungsprozesse in Autobiographien von DDR-Geisteswissenschaftlern, die nach 1989 geschrieben wurden. Die Besonderheit dieser Quellen besteht dabei auch in der Doppelrolle, die die Verfasser als Zeitzeugen und Wissenschafter beanspruchen: Untersucht wurden die Selbst- und Weltbeschreibungen von Personen, die sich beruflich mit einer wissenschaftlichen Darstellung von Wirklichkeit befassen. Bei allen Unterschieden zeigten sich in der Analyse dabei vor allem gemeinsame narrative Strukturen, die nicht zuletzt die Veränderung der Zukunftsbezüge im Zusammenhang mit der Zäsur von 1989/1990 betreffen: Obwohl der Untergang der DDR als Endpunkt jeglicher Hoffnungen beschrieben wird, bedeutet er eine Rückkehr der lange verschwundenen Zukunft in den Texten. Die Gegenwart wird erneut als Übergangszeit auf dem Weg in eine als ideal antizipierte Zukunft verstanden. Erst das Scheitern der DDR – das ist das zentrale Ergebnis der Arbeit – erlaubt die Wiederbelebung der sozialistischen Utopie.
Die Promotion wurde gefördert von der Alfred Freiherr von Oppenheim-Stiftung und der Gerda-Henkel-Stiftung. Christiane Lahusen war von 2007 bis 2011 als Doktorandin in der Abteilung IV „Regime des Sozialen im 20. Jh. Mobilisierung, Wohlfahrtstaatlichkeit und Rationalisierung" des ZZF Potsdam tätig. Betreut wurde die Arbeit von Prof. Dr. Martin Sabrow (Direktor des ZZF und Professor für Neuere und Zeitgeschichte Humboldt-Universität zu Berlin) sowie Prof. Dr. Dorothee Wierling (stellvertretende Direktorin der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg).
Christiane Lahusen ist seit 2012 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neueste und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.
30. April 2013
Florian Greiner schließt Promotionsarbeit zum Thema „Wege nach Europa - Deutungen eines imaginierten Kontinents in deutschen, britischen und amerikanischen Printmedien, 1914-1945“ ab
Mit der Gesamtnote "summa cum laude" verteidigte Florian Greiner am 30. April 2013 am Historischen Institut der Universität Potsdam seine Dissertation zum Thema „Wege nach Europa - Deutungen eines imaginierten Kontinents in deutschen, britischen und amerikanischen Printmedien, 1914-1945“.
In der Arbeit zeichnet Greiner die Konstruktion „Europas" in der Epoche der Weltkriege nach. Seine Studie zeigt, wie Europavorstellungen in der öffentlichen Debatte regelmäßig nicht nur im politischen und wirtschaftlichen Bereich, sondern auch mit Blick auf die außereuropäische Welt - etwa im transatlantischen oder kolonialen Spiegel - sowie im Kontext der Aushandlung von spezifischen Modernisierungsprozessen zum Vorschein kamen. Ohne dass dies von den Zeitgenossen immer aktiv reflektiert worden wäre, entwickelte sich „Europa“ so bereits vor dem Zweiten Weltkrieg zu einem Erfahrungsbegriff. Dabei weist Greiner nicht nur die Vielfältigkeit und Alltäglichkeit von Europadeutungen im Zeitalter des Nationalismus nach, sondern unterstreicht, dass Semantiken des „Europäischen“ häufig sehr viel positiver und prospektiver konnotiert waren, als die bisherige Europa-Historiographie konstatiert.
Die Promotion wurde gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Projektverbundes "Lost in Translation? Europabilder und ihre Übersetzungen". Florian Greiner war von 2011 bis 2013 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung III „Wandel des Politischen im 20. Jahrhundert: Rechte, Normen, Semantik“ des ZZF Potsdam tätig. Betreut wurde die Arbeit von Prof. Dr. Frank Bösch (Direktor des ZZF und Professor für deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam) sowie Prof. Dr. Willi Oberkrome (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg).
Florian Greiner ist seit April 2013 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Augsburg.
11. April 2013
Bundesarbeitsministerin beruft Prof. Dr. Rüdiger Hachtmann in unabhängige Historikerkommission
Fotoquelle: BMAS/ R. Deischl
Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat am 10. April 2013 Prof. Dr. Rüdiger Hachtmann, Projektleiter am ZZF Potsdam, in eine unabhängige Historikerkommission berufen, die die Geschichte des Reichsarbeitsministeriums im Nationalsozialismus erforschen und aufarbeiten soll. Hachtmann ist ausgewiesener Experte für das NS-Herrschaftssystem und die staatliche Sozialpolitik im Dritten Reich. Öffentlich präsentiert wird das Forschungsprojekt am 25. Juni 2013 in Berlin auf einem Symposium. Dort werden die Kommissions-Mitglieder erste Expertisen vorstellen. Die Forschungen zu diesem Großprojekt sollen bis Ende 2016 abgeschlossen sein und anschließend veröffentlicht werden.
Von der Leyen berief, neben Prof. Dr. Rüdiger Hachtmann, auch Prof. Dr. Elizabeth Harvey (University of Nottingham), Prof. Dr. Sandrine Kott (Université de Genève), Prof. Dr. Alexander Nützenadel (Humboldt-Universität Berlin), Prof. Dr. Kiran Patel (Universiteit Maastricht) und Prof. Dr. Michael Wildt (Humboldt-Universität Berlin) in die Kommission.
Auch das Bundeswirtschafts-, das Bundesjustiz- und das Bundesfinanzministerium sowie das Auswärtige Amt haben bereits solche Kommissionen zur Aufarbeitung der Geschichte ihrer Vorgängerinstitutionen in der NS-Zeit eingesetzt.
Pressemitteilung des ZZF Potsdam (idw-Informationsdienst Wissenschaft)
19. März 2013
ZZF Potsdam vergab für 2013 drei Leibniz Summer Fellowships und zwei Young Eastern European Fellowships (YEEF) an internationale Wissenschaftler
Das ZZF Potsdam hat für dieses Jahr drei Leibniz Summer Fellowships und zwei Young Eastern European Fellowships (YEEF) vergeben: Als Summer Fellows werden Lawrence Frohman (State University of New York, Thema "Surveillance, Privacy, and the Politics of Personal Information: Forms of Social Power in the West German Information Society"), Judith Keilbach (Utrecht University, Thema: "Televising the Eichmann trial. Technological, institutional, and political contentions of a transnational media event") und Thomas Kühne (Clark University Worcester, Thema: "Beauty in a Globalized World") jeweils für zwei Monate am ZZF Potsdam forschen.
Die diesjährigen Young Eastern European Fellowships erhielten Oxana Nagornaja (Fortsetzung von 2012, Thema "Ostdeutsche Studierende in der Sowjetunion. Transnationale Räume und berufliche Karrieren im Kontext des Kalten Krieges während der 1950er und 1960er Jahre") und Ana Kladnik (University of Ljubljana Slovenia, Thema "Human Security and the Making of Civil Society between Dictatorship and Democracy: The Case of Voluntary Fire Departments in Central Europe").
18. März 2013
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligt Projekt zu Strukturpolitik und Subventionen in der Bundesrepublik
Die DFG hat das auf drei Jahre angelegte Projektvorhaben "Strukturpolitik und Subventionen in der Bundesrepublik. Debatten und Entscheidungen nach dem 'Wirtschaftswunder'" bewilligt. Es soll Debatten und Entscheidungen über Subventionen als Instrument der Bewältigung wirtschaftlichen Strukturwandels in der Bundesrepublik analysieren. Das Forschungsvorhaben konzentriert sich auf den Zeitraum von den frühen 1960er bis zu den späten 1980er Jahren, in denen gesamtwirtschaftliche Wachstumsprobleme und industrielle Anpassungskrisen die Strukturpolitik zu einem zentralen, von der historischen Forschung jedoch nur punktuell untersuchten Politikfeld mit zahlreichen Akteuren – neben Bund, Ländern und Europäischer Gemeinschaft auch Unternehmen und Gewerkschaften sowie Wissenschaft und Medien – machten. Indem strukturpolitisch begründete Subventionen als Ausdruck wirtschaftspolitischer Problemwahrnehmung und Ergebnis politisch-gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse begriffen werden, soll zugleich ein Brückenschlag zwischen Wirtschafts- und allgemeiner Zeitgeschichte geleistet werden.
Dr. Ralf Ahrens wird das Projekt ab Juli 2013 bearbeiten.
13. März 2013
„Die UdSSR und die beiden deutschen Staaten 1949-1953“
Fritz Thyssen Stiftung bewilligt Fortsetzung des Editionsprojekts
Mit der Fortsetzung des Editionsprojektes ab Sommer dieses Jahres sollen die deutsch-deutsch-sowjetischen Beziehungen jenseits der Stalin-Note vom 10. März 1952 belegt werden. Mit dem bewilligten Antrag kann am ZZF Potsdam das 1993 begonnene Editionsprojekt für die Stalinzeit mit einem fünften Band abgeschlossen werden. „Erstmals sollen Dokumente aus dem Archiv für Außenpolitik der Russischen Föderation gemeinsam mit Unterlagen aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes editiert werden“, erläutert ZZF-Direktor Martin Sabrow.
Das zweijährige Projekt wird der Historiker und Sowjetunion-Experte Dr. Jochen Laufer bearbeiten, der bereits für die ersten vier Bände der Edition die zugänglichen Quellen in russischen Archiven sichtete und auswertete.
Die Edition beabsichtigt im fünften Band eine systematische Auswahl folgender Quellen: Quellen, die die zentralen Aspekte der Beziehungen zwischen der UdSSR und der DDR auf der einen Seite und der UdSSR und der BRD auf der Gegenseite dokumentieren sowie Quellen, die die Wechselwirkungen zwischen ihnen dokumentieren. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR im Jahre 1991 wurden erste interne Unterlagen zur Deutschlandpolitik zugänglich und machten die geschichtswissenschaftliche Untersuchung dieser Politik möglich. So entstand die Idee einer gemeinsamen Quellenedition. Dank der Fritz Thyssen Stiftung konnten das ZZF Potsdam und das Archiv für Außenpolitik der Russischen Föderation (AVP RF) die Edition verwirklichen. Seit 1993 förderte die Stiftung fünf Projekte für die Vorbereitung der Edition „Die UdSSR und die deutsche Frage. Dokumente aus russischen Archiven“ von der bislang vier Bände erschienen. Der im Juni 2012 publizierte vierte Band in einer deutscher und einer russischen Ausgabe wurde Anfang des Jahres in der Botschaft der Russischen Föderation in Berlin öffentlich vorgestellt. Seit 2000 fördert zudem die Deutsch-Russische Historikerkommission das Editionsvorhaben.
14. Februar 2013
Thomas Werneke verteidigt Dissertation zum Thema „Menschenrechte als politisches und ideologisches Argument im Kalten Krieg, 1961-1973“
Am 14. Februar 2013 verteidigte Thomas Werneke an der Philosophischen Fakultät I der Humboldt-Universität zu Berlin seine Dissertation zum Thema „Menschenrechte als politisches und ideologisches Argument im Kalten Krieg, 1961-1973“ mit der Gesamtnote „magna cum laude“.

Die Dissertation versteht sich als Beitrag zu einer politischen Kulturgeschichte des Kalten Krieges. Es wird nach dem Gebrauch von Menschenrechtssemantik innerhalb einer professionellen Sphäre der Politik gefragt. Dabei ist vornehmlich die westliche Integrationszone während des Kalten Krieges von Interesse.
Die Arbeit fragte nach einer Entwicklung, die dazu geführt hat, dass Menschenrechte als moralischer und weltanschaulicher Grundwert in die politische und ideologische Argumentation innerhalb der politischen Sprache der westlichen Integrationszone während der 1960er und 1970er Jahre eingebunden wurden.
Ein Ergebnis der Arbeit ist, dass die konflikthaften Diskurse im Kalten Krieg als ein Katalysator für die Verbreitung von Menschenrechtssemantik in den 1960er Jahren verstanden werden können. Menschenrechte wurden von den politischen Akteuren der westlichen Integrationszone als eine neue politische Moral kommuniziert, welche die Welt in ideologische Sphären des Eigenen und des Fremden einordnete. Dabei lösten die Menschenrechte in der internationalen Sprache auch den Begriff der Zivilisation als tragendes Überlegenheitsnarrativ ab. Nicht mehr technologische und kulturelle, sondern moralische Fortschrittlichkeit stellte den Maßstab dar. Der Aufstieg der Menschenrechtssemantik der 1960er Jahre vollzog sich dabei an einer Schnittstelle zwischen der westlichen Sprache der Moral und westlicher politischer Ideologie. Die reine Unterwerfung der Menschenrechte unter den Antikommunismus kann in den 1960er Jahren daher nicht mehr festgestellt werden. Stattdessen gewannen utopistische Konzepte von der Demokratisierung der Welt, wie der Modernisierungsthese, an Bedeutung.
Mit seinem Dissertationsprojekt war Thomas Werneke seit Februar 2012 als assoziierter Doktorand in der Abteilung III „Wandel des Politischen: Rechte, Normen und Semantik“ tätig. Betreut wurde die Arbeit von Prof. Dr. Hartmut Kaelble (Humboldt-Universität zu Berlin).
31. Januar 2013
Nachlese zur Buchpräsentation am 25. Januar 2013 in Berlin
Gemeinsame Quellensichtung– aber unterschiedliche Bewertung auf deutscher und russischer Seite
Vorstellung des vierten Bandes der Edition „Die UdSSR und die deutsche Frage 1941-1949“ in der Botschaft der Russischen Föderation

„Noch deutlicher als die bisherige Forschung zeigt der vierte Band, dass es trotz aggressiver Blockademaßnahmen eine vollständige Blockade der Westhälfte Berlins durch die UdSSR nicht gab“, erklärte Dr. Jochen Laufer – Wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZZF Potsdam – in seinem Einführungsvortrag bei der offiziellen Präsentation des von ihm mitherausgegebenen Bandes „18. Juni 1948 bis 5. November 1949". Seit mehr als 20 Jahren widmet sich Laufer der Sichtung und Auswertung von Quellen in russischen Archiven für die Edition „Die UdSSR und die deutsche Frage 1941–1949. Dokumente aus russischen Archiven". Der vierte Band war im Sommer vergangenen Jahres erschienen. (Den stark gekürzt vorgetragenen vollständigen Vortragstext finden Sie als PDF unter dem Beitrag).
Wladimir M. Grinin, Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, begrüßte die rund 120 Gäste im imposanten Botschaftsgebäude am Boulevard Unter den Linden, in dem das ZZF Potsdam, der Verlag Duncker & Humblot und die Deutsch-Russische Historikerkommission den gleichzeitig in Moskau in russischer Sprache und in Berlin in deutscher Sprache erschienen vierten Band der Edition präsentierten.
In den Begrüßungsansprachen von deutscher Seite durch Dr. Florian Simon, Geschäftsführer des Verlages Duncker & Humblot, und ZZF-Direktor Professor Martin Sabrow wurde der Wunsch betont, die Edition in einem fünften Band fortzusetzen. „Nun warten die noch unerschlossenen Quellen für den Zeitraum des Kalten Krieges 1949 bis 1955 darauf ausgewertet zu werden, um neue Erkenntnisse für die Geschichtsschreibung zu gewinnen“, so Martin Sabrow. Auch die russischen Vertreter befürworteten eine weitere Zusammenarbeit und einen fünften Band. Betonten aber gleichzeitig, dass einige Quellen auf ihre Sichtung warten müssten, die Persönlichkeitsrechte berührten. Auch sahen die russischen Vertreter manches anders als Herausgeber Laufer: So betonte der leitende wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften Aleksej M. Filitow, dass die Berlin-Blockade Abwehr und nicht Aggression gewesen sei.
Die Diskussion auf dem Podium und Fragen aus dem Publikum mussten Statements der russischen Vertreter weichen. Sie bekundeten ihre Bereitschaft, die Arbeit an einer neuen Reihe der Edition fortzusetzen, die die Wechselbeziehungen zwischen der UdSSR und den beiden deutschen Staaten 1949–1952/53 beleuchten und damit erstmals sowjetische gemeinsam mit ost- und westdeutschen Quellen veröffentlichen wird. Die zahlreichen Gäste hatten Gelegenheit, beim anschließenden Empfang durch den russischen Botschafter Fragen zu stellen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Vortragstext von Dr. Jochen Laufer anlässlich der Buchpräsentation am 25. Januar in Berlin (PDF)
Bericht zur Buchvorstellung auf der Website der Botschaft der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland
Potsdamer Neueste Nachrichten, 30. Januar 2013
Außer Kontrolle
Neues Deutschland, Quelle: nd vom 29.1.2013, Seite 14
1941 bis 1949 in sowjetischen Dokumenten
Leserbrief von Jochen Laufer (abgedruckt am 8. Februar) zum Artikel im nd
28. Januar 2013
Jan Philipp Wölbern schließt Promotionsarbeit über den „Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR“ mit summa cum laude ab

Am 24. Januar 2013 verteidigte Jan Philipp Wölbern am Historischen Institut der Universität Potsdam seine Dissertation zum Thema „Menschenhandel und humanitäre Aktionen? Der Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR, 1962/63 bis 1989“. Die Arbeit wurde mit der Bestnote „summa cum laude“ ausgezeichnet.
In seiner Studie zum Thema „Zwischen Menschenhandel und humanitären Aktionen. Der Häftlingsfreikauf aus der DDR, 1962/63 – 1989“ untersucht Wölbern ein bislang weitgehend unerforschtes Kapitel in der Geschichte der deutsch-deutschen Beziehungen. Ausgehend von der These, dass der Freikauf politischer Häftlinge für beide Seiten eine höchst widersprüchliche Angelegenheit war, analysiert Wölbern die Motivkonstellationen, die zu seiner Entstehung führten und zeichnet ihren Wandel nach. Dabei kommt Wölbern zu dem Ergebnis, dass der Verkauf politischer Häftlinge aus Sicht der DDR zunächst weitaus weniger nachteilige Folgen hatte, als bisher angenommen wurde. Erst in den achtziger Jahren überwogen die negativen Auswirkungen des Häftlingsgeschäftes, da es der anschwellenden Ausreisebewegung ein legales Schlupfloch in der Mauer eröffnete und sich geradezu „zersetzend“ auf den Repressionsapparat auswirkte.
Für die Bundesregierung bewegte sich das Freikaufsprogramm stets auf dem schmalen Grad zwischen Kumpanei und pragmatischer Kooperation mit dem SED-Regime. Gab es anfangs noch massive Widerstände gegen eine Ausweitung des Freikaufs, wurde er spätestens im Verlauf der siebziger Jahre zu einem festen Instrument der Bonner Deutschlandpolitik. Zahlreiche Indizien sprechen dafür, dass diese Grundsatzentscheidung in den achtziger Jahren schließlich dazu führte, dass das MfS Ausreisewillige verhaftete, um durch den Freikauf an Devisen zu gelangen.
Abschließend nimmt Wölbern die Perspektive der freigekauften Häftlinge in den Blick und zeichnet ihr Erleben des Freikaufs anhand zahlreicher Einzelschicksale nach.
Als Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie der Bundesstiftung zur Aufarbeitung SED-Diktatur im Rahmen des Programms „Aufbruch 1989“ war Jan Philipp Wölbern von 2008 bis 2012 als assoziierter Doktorand in der Abteilung I »Kommunismus und Gesellschaft“ am ZZF Potsdam tätig. Betreut wurde die Arbeit von Prof. Dr. Martin Sabrow (Direktor des ZZF und Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin) sowie Prof. Dr. Thomas Brechenmacher (Universität Potsdam).
Jan Philipp Wölbern ist seit dem 1. Juli 2012 Referendar am Leibniz-Gymnasium Potsdam.
28. Januar 2013
Anne K. Krüger schließt Promotionsarbeit über „Die globale Diffusion von Wahrheitskommissionen“ mit summa cum laude ab
Am 30. November 2012 verteidigte Anne K. Krüger am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin ihre Dissertation zum Thema „Die globale Diffusion von Wahrheitskommissionen als kollektiver Lernprozess. Ein Beitrag zur Mikrofundierung der Organisationsforschung“. Die Arbeit wurde mit der Bestnote „summa cum laude“ ausgezeichnet.
In ihrer Arbeit hat sich Anne K. Krüger mit der globalen Verbreitung von Wahrheitskommissionen als einer spezifischen Organisationsform von Vergangenheitsaufarbeitung beschäftigt, die sich seit den 1980er Jahren zu einem Standardinstrument der transitional justice entwickelt hat. Dabei ist sie der Frage nach der Entstehung einer kulturellen Erwartungshaltung nachgegangen, auf deren Grundlage sich Wahrheitskommissionen weltweit in eine Vielzahl unterschiedlicher kultureller Kontexte verbreitet haben.
Anne K. Krüger zeigt in ihrer Arbeit den historischen Entwicklungsprozess von Wahrheitskommissionen auf. Dabei beleuchtet sie sowohl die Hintergründe der jeweiligen Kommissionen als auch die parallel laufende Entwicklung einer epistemic community, die maßgeblich zur Institutionalisierung dieser Organisationsform von transitional justice beigetragen hat.
Ausgehend von den Regimeumbrüchen in Südamerika in den 1980er Jahren und der anschließenden Diskussion um die Aufklärung des Verbleibs der unter den Militärdiktaturen „Verschwundenen“ untersucht Anne K. Krüger die Entwicklung einer Erwartungshaltung, die nach politischen Umbrüchen nach der „Wahrheit“ über die zuvor begangenen Verbrechen verlangt. Sie zeigt, wie die infolgedessen u.a. in Argentinien und Chile eingesetzten Untersuchungskommissionen in den 1990er Jahre als Vorbild für El Salvador und Guatemala dienten. Unter Vermittlung der Vereinten Nationen wurde dort im Rahmen von Friedensprozessen nach Bürgerkriegen ebenfalls auf diese Form der transitional justice zurückgegriffen, um über die Aufklärung der Verbrechen gesellschaftliche Reintegration und politische Konsolidierung zu ermöglichen. Auf dieser Grundlage wurde nach dem Ende des Apartheid-Regimes auch die südafrikanische Truth and Reconciliation Commission eingesetzt, die nicht nur an die vorangegangenen Beispiele anknüpfte, sondern mit dem von Desmond Tutu geprägten Motto „No future without forgiveness“ selbst zum Vorbild für nachfolgende Kommissionen in Afrika, aber auch weltweit wurde.
Indem sie Wahrheitskommissionen als ein globales Phänomen begreift, dessen Entstehung und Verbreitung es zu erklären gilt, eröffnet Anne K. Krüger mit ihrer Arbeit eine neue Perspektive innerhalb der transitional justice-Forschung. Unter Berücksichtigung von transnationalen Bezügen und Interaktionsprozessen ermöglicht sie darüber hinaus einen mikrosoziologischen Blick auf die Institutionalisierung von kulturellen Erwartungshaltungen und entsprechenden Verfahren und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Organisationsforschung.
Als Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung war Anne K. Krüger von 2008 bis 2012 am ZZF in der Abteilung III »Der Wandel des Politischen“ bei Dr. Stefan-Ludwig Hoffmann als Doktorandin assoziiert. Betreut wurde die Arbeit von Prof. Dr. Klaus Eder (Humboldt-Universität zu Berlin).
Anne K. Krüger ist seit dem 1.10.2012 Postdoktorandin am Graduiertenkolleg „Wicked Problems, Contested Administrations“ an der Universität Potsdam.