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Geschichte


Das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Gründung und Aufgabe

Die Zeitgeschichte als eine wissenschaftliche Disziplin und die zeithistorischen Institute sind in Deutschland Folge großer gesellschaftlicher und politischer Umbrüche. 1945 gingen der Weltkrieg und die Nazi-Diktatur zu Ende. Wenige Jahre später entstand die Zeitgeschichte als eine selbständige Teildisziplin der Geschichtswissenschaft und es wurde das Institut für Zeitgeschichte in München gegründet. Dessen Hauptaufgabe war es, die Geschichte des nationalsozialistischen Deutschland zu erforschen.

1989/90 kamen die Revolution in Ostmitteleuropa und in der DDR, der Zusammenbruch des Kommunismus, das Ende der zweiten deutschen Diktatur, die deutsche Einheit. Kurze Zeit später entstand ein neues Institut für Zeitgeschichte: das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam. Seine Hauptaufgabe ist es, die Geschichte der DDR und die deutsch-deutsche Beziehungsgeschichte im europäischen Zusammenhang zu erforschen.

Im Laufe der Jahre ist es dem ZZF gelungen, sich als eine der wichtigsten deutschen Forschungseinrichtungen auf diesem Gebiet zu etablieren. Die Leitung des Instituts haben Konrad H. Jarausch, gleichzeitig Professor an der University of North Carolina in Chapel Hill (USA), und Christoph Kleßmann, Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Potsdam, gemeinsam inne; Jürgen Kocka, seit kurzem Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin, fungierte 1992/93 als Gründungsdirektor.

Das Gebäude Am Kanal 4/4a, Sitz des ZZF bis 2001

Die Finanzierung des Zentrums erfolgt in hohem Maße leistungsbezogen: Das Land Brandenburg und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie weitere Drittmittelgeber teilen sich die Kosten etwa im Verhältnis 40:60, wobei das Land vor allem die Grundausstattung - die laufenden Kosten für Infrastruktur, Verwaltung und die wissenschaftliche Leitung - absichert, während vor allem die DFG sowie die VW-Stiftung, die Thyssen Stiftung, die Henkel-Stiftung und die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur befristete Forschungsprojekte unterstützen.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts kommen aus Ost- und Westdeutschland und vertreten verschiedene Disziplinen. Dazu kommt ihr unterschiedlicher politischer Hintergrund: Ostdeutsche, die aus der Dissidenz kamen, wie auch solche, die in der DDR zu den etablierten Historikern gehörten, soweit sie sich nicht diskreditiert hatten; Westdeutsche und Westberliner aus unterschiedlichen wissenschaftlichen und politischen Zusammenhängen. Im Hinblick auf Herkunft, sozialen Hintergrund und Erfahrungen der Forscherinnen und Forscher ist das Zentrum selbst ein Labor der deutschen Einheit.

"Die DDR als Geschichte" lautete das Thema der ersten vom ZZF
im Juni 1993 veranstalteten wissenschaftlichen Konfrenz

Die Institutionalisierung des ZZF

Am 31. Dezember 1990 endete nach Artikel 38 des Einigungsvertrages die Exis-tenz der ehemals zur Akademie der Wissenschaften der DDR gehörenden Institute, darunter auch der Institute für deutsche und allgemeine Geschichte. Dem war seit Oktober 1990 eine Evaluation der Forschungseinrichtungen durch Ar-beitsgruppen des Wissenschaftsrates vorausgegangen. Ende 1990 übernahm im Auftrage des Bundesministeriums für Forschung und Technologie eine unter dem Kürzel KAI-AdW firmierende "Koordinierungs- und Abwicklungs-Initiative" die Auflösung der Akademie-Institute.

Im Juli 1991 lag eine Stellungnahme des Wissenschaftsrates zu den von KAI-AdW betreuen außeruniversitären Forschungseinrichtungen vor. Er plädierte für eine Schließung der geisteswissenschaftlichen Akademie-Institute, mit Ausnah-me des Instituts für sorbische Volksforschung. Das betraf etwa 1.140 Mitarbeiter, darunter über 800 Wissenschaftler. Gut bewerteten Forschergruppen hoffte man jedoch neue Arbeitsmöglichkeiten zu erschließen. Bis spätestens zum 1. Januar 1992 sollten rund 400 Wissenschaftler an Hochschulen, im Rahmen von Akademie-Langzeitvorhaben oder in befristeter Förderung durch die KAI Be-schäftigung finden. Zu den Vorschlägen des Wissenschaftsrates gehörte auch, in den neuen Bundesländern 1992 unter der Obhut der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) sieben geisteswissenschaftliche Zentren zu gründen. Ihre Mitarbeiter sollten sich aus dem Kreis positiv evaluierter Wissenschaftler der aufgelösten DDR-Akademie rekrutieren. Frei werdende und neue Stellen würden nach offener Ausschreibung zu besetzen sein, wobei eine personelle "Ost-West-Durchmischung" erfolgen sollte.

Im Sinne dieses Auftrags berief der Präsident der MPG eine Kommission ("Präsidentenkommission") unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten Prof. Dr. Franz. E. Weinert. Ihr oblag es, unter den Bewerbern aus den ehemaligen Aka-demieinstituten eine Personalauswahl für die von Bund und Ländern finanzierten 100 Wissenschaftlerstellen und 70 Stellen nichtwissenschaftlicher Mitarbeiter dieser Zentren zu treffen. Als Trägereinrichtung für die zu gründenden Forschungsschwerpunkte beschloß der Senat der MPG im November 1991 die Gründung der Förderungsgesellschaft Wissenschaftliche Neuvorhaben mbH. Sie sollte für eine Übergangszeit die Verwaltung der sieben Forschungsschwerpunkte gewährleisten.

Zu den Forschungsschwerpunkten der Förderungsgesellschaft Wissenschaft-liche Neuvorhaben mbH gehörten von 1992 bis 1995:

  1. Zeithistorische Studien,
  2. Wissenschaftsgeschichte und -theorie,
  3. Europäische Aufklärung,
  4. Moderner Orient,
  5. Allgemeine Sprachwissenschaft, Typologie und Universalienforschung,
  6. Literaturwissenschaft,
  7. Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas.

"Podiumsdiskussion "Der SED-Staat und die Historiker"
am 8.12. 1993 im ZZF

Wie alle anderen, nahm auch der Forschungsschwerpunkt (FSP) Zeithistori-sche Studien am 1. Januar 1992 unter der kommissarischen Leitung von Prof. Dr. Jürgen Kocka seine Tätigkeit auf. Noch befanden sich die Diensträume im Berliner Gebäude der ehemaligen geistes- und sozialwissenschaftlichen Akademiein-stitute in der Prenzlauer Promenade. Wesentlich unterstützt vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg konnte die Förderungsgesellschaft in Potsdam ein geeignetes Gebäude in der Straße Am Kanal anmieten. Der Umzug erfolgte im Februar 1993. Gleichzeitig begann der Aufbau einer Institutsbibliothek. Für sie gelang es, Teile der ehemaligen Institutsbibliothek aus der Prenzlauer Promenade sowie Teilbestände aus der Bibliothek des Historikers Thomas Nipperdey und der Bibliothek des aufgelösten Erlanger Instituts für Gesellschaft und Wissenschaft zu akquirieren. Auch übernahm das Institut das Presseausschnittarchiv des abgewickelten Instituts für Internationale Politik und Wirtschaft. Durch Neuerwerbungen ist der Bibliotheksbestand des ZZF auf derzeit rund 40.000 Bände, 310 Periodika und 90 laufende Zeitschriften und Zeitungen angewachsen.

Zur gleichen Zeit, im Mai 1993, legte die Präsidentenkommission "Geistes-wissenschaften" der MPG "Empfehlungen zur Einrichtung geisteswissenschaft-licher Forschungskollegs (Forschungszentren)" vor. Danach sollten bis 1995 sechs Forschungschwerpunkte in Geisteswissenschaftliche Zentren übergeleitet werden. Lediglich der Schwerpunkt Wissenschaftsgeschichte und -theorie ging in das MPI für Wissenschaftsgeschichte in Berlin über.

Sein Potsdamer Debüt gab der Forschungsschwerpunkt "Zeithistorische Studien" im Juni 1993 mit der internationalen Konferenz "Die DDR als Geschichte". Ebenfalls 1993 erschien im Akademie-Verlag Berlin der erste Band der "Blauen") Reihe Zeithistorische Studien. Seither gehört es zur Tradition des Instituts, mit Vorträgen, wissenschaftlichen Tagungen und Workshops wie auch mit einem Gästeprogramm für international renommierte Wissenschaftler den Kontakt mit der Öffentlichkeit und der scientific communtity zu suchen und zu pflegen. In der zweiten Jahreshälfte 1993 setzte auch eine öffentliche Kontrover-se darüber ein, wer DDR-Geschichte schreiben darf und wer nicht. Der FSP sah sich sachlichen und unsachlichen Angriffen ausgesetzt, die er letztlich durch seine wissenschaftliche Leistung zurückweisen konnte.

Am 1. April 1994 übernahm Prof. Dr. Christoph Kleßmann die kommissarische Leitung des Instituts. Zu diesem Zeitpunkt waren 25 Mitarbeiter beschäftigt, davon 19 Wissenschaftler. (Zum Vergleich: Im Jahr 2001 gehörten 37 Mitarbeiter zum Institut, davon 30 Wissenschaftler.) Im August 1994 erschien das erste Heft des Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien, von dem inzwischen 25 Ausgaben vorliegen. In der gleichen Reihe wurden im weiteren auch die Tätigkeitsberichte veröffentlicht. Die Weigerung der Max-Planck-Gesellschaft, die geisteswissenschaftlichen Zentren dauerhaft zu fördern, führte eine Veränderung der Trägerschaft herbei: 1995 begann die Vorbereitung der Umwandlung des Forschungsschwerpunktes Zeithistorische Studien in die neue Rechtsform eines Zentrums für Zeithistorische Forschung e.V. Wesentlich hierfür war die Bewilligung des im Mai 1995 an die DFG eingereichten Förderantrages. Nach Gründung des Vereins am 10. Juli 1995 erfolgte am selben Tag auf der konstituierenden Sitzung des Kuratoriums die Bestellung des Vorstandes des ZZF durch Wissenschaftsminister Steffen Reiche; einstimmig wurde Prof. Dr. Christoph Kleßmann für diese Funktion benannt. Nachdem der Hauptausschuß der DFG bereits im September 1995 die Projekte befürwortet hatte und die Tätigkeit der Kommissarischen Leiter des FSP im Dezember endete, nahm das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam e.V. am 1. Januar 1996 seine Tätigkeit auf. An seiner Spitze stand Prof. Dr. Christoph Kleßmann als Direktor. Eine öffentliche Veranstaltung am 9. Januar gab den Auftakt zu einer neuen Phase der Institutsgeschichte. Der Zeitpunkt wurde freilich durch einen Einbruch zum Jahresbeginn 1996 überschattet, bei dem das ZZF nahezu seinen gesamten Computerbestand einbüßte. Der Vermittlung von Minister Reiche und einer Sachspende der Firma Siemens-Nixdorf war es zu danken, daß das Institut vierzehn fabrikneue PC erhielt.

Der erste Band der ZZF-Reihe "Zeithistorische Studien"
erschien 1993 im Akademie Verlag Berlin

Dem rechtlichen Status des ZZF als Verein entsprechend, konstituierte sich am 1. November 1996 unter Leitung von Prof. Dr. Jürgen Kocka ein Wissenschaftlicher Beirat. Im Interesse einer Verstetigung der wissenschaftlichen Arbeit übernahm das Land Brandenburg im Dezember 1997 die Finanzierung von vier Projektleiterstellen. Im Frühjahr 1998 präsentierte sich das ZZF erstmals unter einer eigenen Homepage im Internet. Zur selben Zeit konnte auch die zweite Direktorenstelle besetzt werden: Seit dem 1. April 1998 steht das Institut unter der gemeinsamen Leitung von Prof. Dr. Christoph Kleßmann und Prof. Dr. Konrad H. Jarausch. Die Publikationstätigkeit des Instituts blieb von den Turbulenzen im Verlagsgeschäft nicht unberührt: Seit 1998 erscheint die Reihe "Zeithistorische Studien" im Böhlau Verlag Köln-Weimar-Wien; zuvor hatte sie der Akademie Verlag in Berlin publiziert. Bis Ende 2001 lagen insgesamt 18 Bände vor. Ein Verein der Förderer und Freunde des ZZF entstand, er führte am 25. Januar 1999 seine erste Jahrestagung durch.

Prof. Kleßmann eröffnet das Geschichtsforum
"Getrennte Vergangenheit - gemeinsame Geschichte", Mai 1999

Zu den Höhepunkten der Öffentlichkeitsarbeit gehörte die Beteiligung des ZZF am Geschichtsforum "Getrennte Vergangenheit - gemeinsame Geschichte", das vom 28. bis 30. Mai 1999 in Berlin stattfand. Aus den vielfältigen Tagungsaktivitäten des ZZF ragte auch die vom 14. bis 16. Juni 2001 in Kooperation mit dem Cold War International History Project (Washington D.C.) durchgeführte Konferenz "Mauerbau und Mauerfall - Lessons of the Wall" heraus.

Konferenz "Mauerbau und Mauerfall - Lessons of the Wall, Juni 2001

Seit dem Dezember 2001 hat das ZZF seinen Sitz an historischer Stelle im ehemaligen Kabinetthaus. Das Institut gehört seitdem zum "Forum Neuer Markt", das in der Mitte Potsdams verschiedene geisteswissenschaftliche Einrichtungen zusammengeführt hat.

Forschungsschwerpunkte 1996-2000
 
Unter dem Rahmenthema "Herrschaftsstrukturen und Erfahrungsdimensionen der DDR-Geschichte" bearbeiteten insgesamt rund 20 Forscher und Forscherinnen zu gleichen Teilen aus Ost und West in den Jahren 1996 bis 2000 vier Themenbereiche in 20 Projekten:
 
1. Die SBZ/DDR zwischen Sowjetisierung und Eigenstän­digkeit - Handlungsspielräume und Entscheidungs­prozesse
2. Führungsgruppen und Apparate des SED-Regimes. Zur Sozialgeschichte der „Diktatur des Proletariats“ in der SBZ/DDR 1945-1989/90
3. Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte in Berlin-Brandenburg 1945-1990
4. Geschichte als Herrschaftsdiskurs in der DDR. Institu­tionen, Leitbilder und Praktiken.
 
Eine Reihe der daraus entstandenen Studien etwa zur sowjetischen Einflussnahme auf die Politik der SED, zur Alltagsgeschichte, zur Arbeiterschaft und zur ländli­chen Gesellschaft, zur Sozialgeschichte der Eliten, zum Umgang mit der Vergangenheit in der DDR, zur Rolle der Zensur, zum 17. Juni 1953 und zum Mauerbau haben Standards in der DDR-Geschichtsschreibung gesetzt.
Seither wurden die Forschungsperspektiven vor allem auf den Vergleich und die Beziehungs-Geschichte mit Ost-Mitteleuropa einerseits, mit der Bundesrepublik und punktuell auch auf Westeuropa anderseits sowie auf Geschichte und Wandel der europäischen Erinnerungs­kultur ausgeweitet.

Pressekonferenz des ZZF
zu den neuen Forschungsprojekten des Instituts, Februar 2002

Forschungsschwerpunkte 2001-2007
 
Die 2004 begonnene und bis 2007 reichende Projekt­phase des ZZF stand unter dem Titel „Deutschland und Europa im Systemkonflikt. Strukturen – Repräsentatio­nen - Transferprozesse“. Sie schloss an die bis 2003 unter das Leitthema „Die DDR im deutschen und euro­päischen Systemkonflikt“ gestellten Forschungen an und verstärkte ihre komparatistischen Dimensionen mit dem Ziel, die jüngere deutsche Zeitgeschichte als einen besonders prägnanten Anwen­dungsfall der Nachkriegs­geschichte Europas zu situieren. Der Projektverbund gliederte sich in vier Projektbereiche mit insgesamt rund 30 Einzelprojekten.
Der Projektbereich I „Berlin und sein Brandenburger Umland im Ost-West-Konflikt 1948-1990“ untersuchte Entwicklung und Spezifika des Ost-West-Konfliktes im geteilten Berlin und seinem Brandenburger Umland einerseits unter der Fragestellung, wie dieser Brenn­punkt deutscher und internationaler Politik Verlauf und Merkmalsbildung des Kalten Krieges und der Entspan­nung sowie deutsche Aufeinanderbezogenheit und internationale Systemkonkurrenz spiegelte und mitbe­stimmte. Andererseits wurde analysiert, wie sich der Untersuchungsraum in diesem Prozess politisch verän­derte und welche inneren und äußeren Faktoren hierbei eine politikbestimmende Rolle spielten. Dem Projekt­bereich I war zudem ein kooperatives Forschungsvorha­ben zur Opposition in der DDR zugeordnet. Auch ein Projekt, das Quellen zum Thema „Die UdSSR und die deutsche Frage 1941-1953“ aus sowjetischen Archiven untersuchte und editierte sowie ein Forschungsvorhaben, das ein sachthematisches Inventar der sowjetischen Demontagen in der SBZ und Berlin erstellte, waren vertreten.
Der Projektbereich II umfasste unter dem Rahmen­thema „Sozialismus als soziale Frage“ zwei Teilprojekte. Der erste, sozialhistorische Themenkreis beinhaltete Forschungen zu den Intentionen und Wirkungen des 1970 erfolgten Kurswechsels in der DDR und anderen Län­dern des sowjetischen Blocks. Ergänzt wurde dieses Vorhaben durch zwei Einzelprojekte zur Angestellten­problematik und zur Funktions­weise der Netzwerke lokaler Eliten der DDR. Assoziiert war ein Projekt, das sich mit dem Politikum der Ganztagsschule im deutsch-deutschen Vergleich befasste.
Ein weiterer wirtschaftshistorischer Themenkreis fragte nach der Verflechtung wirtschaftlicher Integrationspro­zesse in West- und Osteuropa nach dem Zweiten Welt­krieg und deren Konsequenzen. Ein angegliedertes Projekt galt der Digitalisierung und Veröffentlichung der Dokumente der SMAD.
Der Projektbereich III konzentrierte sich unter der übergreifenden Fragestellung „Ideologien und Menta­litäten im Kalten Krieg“ auf Themen, die verschiedene nationale und transnationale Bezüge einer Kultur- und Mediengeschichte des Kalten Kriegs in Europa mitein­ander verbinden. Im Kernbereich ging es vor allem um die Rolle von Massenmedien im Kalten Krieg, die in Untersuchungen zur Geschichte des Films im deutsch-französischen Vergleich, zum sowjetischen Film in der Tauwetterzeit, zur Sportberichterstattung über die Olympischen Sommerspiele, zur Jugend- und Medien­politik im kalten Ätherkrieg sowie zu Wandel und Re­zeption des Samizdats bearbeitet wurden.
Mit dem Thema „Migration im Kalten Krieg“ befassen sich zwei angegliederte Projekte zum politischen Asyl in Westdeutschland und zu den Übersiedlern in die DDR. Hinzu kam ein Projekt über „Europa im Ost­block“, das zu Teilstudien zur Formierung des Ost­blocks, zur Koexistenz im Zeichen der KSZE und zum Wiederauftauchen der europäischen Perspektive in Ostmitteleuropa während der 80er Jahre führte.
Projektbereich IV untersuchte unter dem über­greifenden Thema „Kulturen des Politischen – Reprä­sentationen und Formen politischer Integration im 20. Jahrhundert“ Muster politischer und gesellschaftlicher Integration, die zum Verständnis der Perpetuierung und Auflösung von politischer Macht in unterschiedlichen Systemen in Ost und West beitragen sollen. Die leiten­den Fragestellungen zielten auf den Charakter und die Grenzen politischer Legitimation im 20. Jahrhundert und identifizierten Mechanismen politischer Herr­schaftsstützung, deren Wirkungskraft über Indoktrina­tion und Propaganda hinaus in Wert­ordnungen und Sinnwelten verankert ist. Grundlegend für den in die­sem Projektbereich verfolgten Ansatz war ein erweitertes Verständnis der Kultur des Politischen, das nach der Per­formanz von Macht und deren Integrationsangebo­ten wie Wirkungsweisen fragt. Die konkreten Untersu­chungsbeispiele bezogen sich auf Ordnungsvorstellun­gen in Filmen und in Fernsehbeiträgen in der Bundes­republik, Wahlkampfkulturen in Europa, auf die Akteure der lokalen Arbeiterbewegungsgeschichten in der DDR, der Tschechoslowakei und Polens und auf die Entwick­lung des Tourismus in der DDR, aber auch auf die ka­tholische Laienbewegung in Deutschland, Frankreich und Polen und den Laien­katholizismus in Italien und Ungarn und schließlich auf den Beitrag remigrierter Geisteswissenschaftler zur Begründung der Kommunis­musforschung in der Bun­desrepublik und die Ge­schichte der Humboldt-Universität.
Fünfter Schwerpunkt der Institutsarbeit war der Bereich „Fachinformation, Kommunikation und elektronisches Publizieren“. Dieser neue Bereich hat dazu beigetragen, die vier forschungsorientierten Bereiche stärker mitein­ander zu vernetzen und neue Formen der Publikation und Vermittlung von Forschungsergebnissen zu entwic­keln und zu erproben. Durch seine Beteiligung an dem von der DFG-geförderten Projektverbund Clio-online und die Entwicklung des neuen Fachportals Zeitgeschichte-online hat sich das ZZF zum wichtigsten Anbieter von zeithistorischen Fachinformationen im Internet entwic­kelt (http://www. zeitgeschichte-online.de).
Teil dieses Vorhabens war die Entwicklung und Etablie­rung einer neuen, in das Portal integrierten elektroni­schen Zeitschrift „Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History“ mit einer parallel im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erscheinenden Druckausgabe (http://www.zeithistorische-forschungen.de). Weitere Informationsangebote von Zeitgeschichte-online sind ein Web-Verzeichnis, das zeithistorisch relevante Inter­netressourcen nachweist, ein in Kooperation mit H-Soz-u-Kult entwickelter Fachinformationsdienst und eine gemeinsam mit der Staatsbibliothek zu Berlin Preußi­scher Kulturbesitz bereitgestellte Zeitschriftenaufsatz­datenbank.
Im Bereich Öffentlichkeitsarbeit des ZZF galt ein Ko­operationsprojekt mit dem Verein Berliner Mauer den „Todesopfern an der Berliner Mauer“; in einem gemein­samen Projekt mit dem Potsdam-Museum wurden zudem die wissenschaftlichen Voraussetzungen für eine Dauer­ausstellung in der Gedenkstätte „Lindenstraße 54“, einem NS-, NKWD- und Stasi-Gefängnis, erarbeitet.
 
Die Forschungsergebnisse aller Projektbereiche flossen in zahlreiche Publikationen des Instituts ein, die neben Monographien und Sammelbänden jährlich etwa 100 Aufsätze umfassten. Das Institut gibt eine eigene Schriftenreihe „Zeithistorische Studien“ heraus, die im Böhlau-Verlag erscheint und von der Ende 2007 39 Bände vorlagen. Darüber hinaus wird seit 1994 das „Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien" veröf­fentlicht, in dem neben wissenschaftlichen Beiträgen auch Rezensionen und Nachrichten aus der Arbeit des Instituts publiziert werden.
Im Rahmen des DFG-Verbundes arbeiteten in- und aus­ländische Gastwissenschaftler im ZZF. So verbrachten 2004 acht, 2005 zwanzig und im Jahr 2006 24 Gastwis­senschaftler/innen einen meist mehrwöchigen For­schungsaufenthalt am ZZF.
Über die Forschungs- und Publikationstätigkeit hinaus konzipiert und organisiert das ZZF Arbeitstagungen, wissenschaftliche Konfe­ren­zen, Workshops, Ausstellun­gen, Diskussionsveranstaltungen, Vortrags- und Film­reihen zur deutschen Zeitgeschichte. Die Veranstaltun­gen finden vielfach in Kooperation mit in- und auslän­dischen Partnern statt.
Auf Initiative wichtiger zeithistorischer Forschungsein­richtungen und Gedenkstätten der deutschen Haupt­stadtregion wurde im Dezember 2004 mit Unterstüt­zung des Brandenburgischen Wissenschaftsministeriums und der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur eine Koordinationsstelle „Pro­jektverbund Zeitgeschichte Berlin-Brandenburg“ einge­richtet, die organisatorisch an das ZZF angeschlossen ist. Ihre Aufgabe ist es, Impulse und Forschungsideen aus den Gedenkstätten, Museen, Universitätsinstituten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen auf­zugreifen und diese künftig in weitaus stärkerem Maße als bisher miteinander zu vernetzen und in innovative, gemeinsame Projekte einfliessen zu lassen.
 
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