LanguageSwitcher
   Projekte 2015       Projekte 2014       Projekte 2013       Projekte 2012       Projekte 2011       Projekte 2010       Projekte 2008       Projekte 2006/2007   

Projektbereich II

Arbeit und Wirtschaft: Dimensionen des Wandels im geteilten Europa (1950-1989)

 

Leiter: Peter Hübner und André Steiner
Laufzeit: Januar 2006 - Dezember 2007

Peter Hübner
Arbeitsparadigma und Erwerbsverhalten in der Spätphase des "realen" Sozialismus: Die DDR im Vergleich mit der Volksrepublik Polen (1970-1989)

Das Vorhaben zielt auf die Frage, welche Folgen der um 1970 im sowjetischen Block eingeleitete wirtschafts- und sozialpolitische Strategiewechsel für das gesellschaftlich konstitutive Arbeitsparadigma und für das Erwerbsverhalten der Bevölkerung hatte. Damit wird am Projekt "Sozialismus als soziale Frage. Zur Geschichte sozialer Lagen, sozialen Denkens und der Sozialpolitik in Mittel- und Osteuropa 1945 bis 1990" angeknüpft. Der Forschungsansatz geht von einer Doppelkrise aus, zu der sich die von der beginnenden dritten industriellen Revolution ausgelöste industrielle Strukturkrise und die nach 1970 einsetzende Überdehnung der sozialen Versorgungs- und Sicherungssysteme verdichteten. Die funktionale Schwächung des hiervon unmittelbar betroffenen Arbeitsparadigmas und die Anpassungsvorgänge im Erwerbsverhalten stehen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Leitfragen zielen erstens auf die Wahrnehmung dieser Entwicklung insbesondere durch die Macht- und Funktionseliten sowie die verschiedenen Gruppierungen der Industriebeschäftigten, zweitens auf Veränderungen im offiziell-politischen bzw. im traditional-industriellen Arbeitsparadigma und drittens schließlich auf die Wandlungen des Erwerbsverhaltens. Die Untersuchung ist als Vergleich der DDR mit der Volksrepublik Polen im Zeitraum der siebziger und achtziger Jahre angelegt. Für diese Wahl spricht ein besonderes Maß an Parallelität und Differenz in der Entwicklung beider Gesellschaften. Ein ČSSR-Exkurs ist als Zuarbeit vorgesehen. In einer weiteren Perspektive versteht sich die Studie als Beitrag zur Geschichte der Erwerbsarbeit im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Renate Hürtgen
Angestellte im Industriebetrieb der DDR in den 70er und 80er Jahren und ihr Verhältnis zu den Arbeitern. Eine sozialhistorische Untersuchung über innerbetriebliche Beziehungen

Gegenstand des Projektes ist die soziale Gruppe der Angestellten im Industriebetrieb der DDR und ihr Verhältnis zu den Arbeitern. Fokus ist der Industriebetrieb als sozialer Raum. Den zeitlichen Schwerpunkt der Untersuchungen bilden die siebziger und achtziger Jahre, in denen die spannungsreiche Beziehung beider Belegschaftsgruppen eine besondere Prägung annahm. Mit der Beschreibung der Existenzweise von Angestellten im Industriebetrieb und des Verhältnisses von Angestellten und Arbeitern wird zum einen die soziale Segmentierung der von der offiziellen DDR-Ideologie als weitgehend homogen begriffenen Belegschaft thematisiert, zum anderen das in allen Industriegesellschaften komplizierte Verhältnis dieser beiden betrieblichen Gruppen für die DDR spezifiziert. Eine Darstellung dieser betrieblichen Akteursebene verspricht differenziertere Einsichten in die Praxis betrieblicher Herrschaft in der DDR und leistet einen Beitrag zur Frage nach der Einordnung der DDR in die industriegesellschaftliche Entwicklung aus sozialhistorischer Perspektive.

Annette Schuhmann
Lokale Netzwerke sozialpolitischer Akteure in der DDR (1970-1989). Das Beispiel der Maxhütte Unterwellenborn und des Eisenhüttenkombinates Ost (EKO) im Vergleich mit den vereinigten österreichischen Stahlwerken (Voest) in Linz

Im Rahmen des Projektes werden Netzwerke lokaler Eliten in der DDR in den 1970er und 1980er Jahren untersucht, die in ihren Kooperationsbeziehungen dem Ressourcenausgleich beziehungsweise der Bewältigung sozialpolitischer Problemlagen auf lokaler Ebene dienten. Der bisherige Verlauf der Untersuchung zeigt, dass sich trotz der Einbindung der Betriebe in die Partei- und Staatsbürokratie Kooperationen zwischen Kombinaten und Betrieben auf der einen Seite und den Kommunen auf der anderen Seite ergaben. Diese Kooperationen wurden jenseits der vorgegebenen zentralistischen Strukturen geknüpft, dennoch wurden sie von der Zentrale wegen ihrer ausgleichenden und stabilisierenden Funktionen geduldet. Die dabei in gegenseitigem Interesse zwischen Betrieb und Kommunen entstandenen informellen, selbstkoordinierenden Arrangements stehen im Mittelpunkt der Untersuchung. Die Analyse konzentriert sich auf exemplarische Einzelfälle, in denen das Zusammenspiel betrieblicher und lokaler Eliten in informellen Netzwerken deutlich wird. Zu klären ist, wie solche Netzwerke innerhalb der Hierarchien des zentralistischen Staates und der zentral geleiteten Planwirtschaft entstanden sind, welches die Motive der Akteure waren, und ob sich aus den Quellen eine Typologisierung ihres Verhaltens ableiten lässt. Die empirischen Ergebnisse der Studie erlauben schließlich auch Rückschlüsse hinsichtlich der Frage, ob die Beziehungen zwischen Betrieben und Kommunen eine sozialistische Version mikrokorporatistischer Strukturen darstellten.

Friederike Sattler
Staatssozialistische Entwicklungspfade. Die DDR, Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn im Vergleich

Ziel des Projektes ist ein systematischer Vergleich staatssozialistischer Entwicklungspfade, vorgenommen mit Hilfe des Konzepts der "Pfadabhängigkeit" am Beispiel der DDR, Polens, der Tschechoslowakei und Ungarns im Langzeitverlauf vom "Aufbau des Sozialismus" über vielfältige Reformversuche bis in die krisenhaften Endphasen in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre. Die leitende Fragestellung richtet sich dabei auf das Verhältnis von vergleichsweise einheitlicher Systemprägung, bedingt vor allem durch Parteiherrschaft und zentrale Planwirtschaft, und dennoch deutlich unterschiedlichen länderspezifischen Varianten, die sich – so lautet die Arbeitshypothese – aus den differenten sozialökonomischen und politisch-kulturellen Voraussetzungen sowie jeweils eigenen historischen Lernerfahrungen zwischen Gesellschaft und politischem System ergaben. In der DDR und der Tschechoslowakei bot sich in den 1970er und 1980er Jahren ein zunehmend von Stagnation und Verkrustung geprägtes Bild mit lediglich subkutanen Ansätzen von zivilgesellschaftlichem Handeln, in Polen und Ungarn dagegen war der Rückzug des Parteistaats aus Wirtschaft und Gesellschaft zu verzeichnen, während gleichzeitig Elemente von Marktwirtschaft und Zivilgesellschaft in den öffentlichen Raum vordringen konnten. Wie sich die einheitliche Systemlogik im einzelnen zur länderspezifischen Variantenvielfalt vermittelte, soll für den Bereich der Planbürokratie und der Handlungsspielräume sozialistischer Manager vertieft analysiert werden. Geplant ist eine relativ knappe, strikt auf die großen Linien konzentrierte, die vielfältigen Erträge der Forschung bündelnde und synthetisierende Darstellung, die einem wiederholt formulierten Desiderat der Zeitgeschichtsforschung – stringent vergleichende Analysen der DDR und der ostmitteleuropäischen "Volksdemokratien" – entgegenzukommen sucht.


Assoziiertes Projekt

Das deutsche Halbtagsmodell: Ein Sonderweg in Europa? Eine Analyse der Zeitpolitiken öffentlicher Bildung im Ost-West-Vergleich (1945-2000)

Leitung: Prof. Dr. Karen Hagemann (Technische Universität Berlin/University of North Carolina at Chapel Hill)
Prof. Dr. Konrad H. Jarausch (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam)

Monika Mattes
Zwischen Ideologie und Ökonomie. Das Politikum der Ganztagsschule im deutsch-deutschen Vergleich (1945-1989)

Die Ganztagsschule ist heute in fast allen europäischen Ländern der Normalfall. Neuerdings steht sie auch in der Bundesrepublik auf der bildungspolitischen Agenda ganz oben, obwohl sie dort noch bis vor kurzem primär als Schule für "Problem- und Schlüsselkinder" galt. Das Angebot an ganztägiger Bildung und Betreuung, das die Bundesrepublik für Grundschulkinder bereitstellt, ist im internationalen Vergleich außerordentlich gering. Lediglich fünf Prozent aller Kinder im Grundschulalter besuchen derzeit eine Ganztagsschule, weitere fünf Prozent einen Hort. Dies erschwert es insbesondere Frauen, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Mit zunehmender Qualifikation entscheiden sich Frauen auch aus diesem Grund immer häufiger gegen Kinder. Erst die Sorge um die bevölkerungspolitische Entwicklung einerseits und um die Leistungsfähigkeit deutscher Schulkinder nach PISA andererseits hat in den letzten Jahren die Annäherung der bis dato sehr unterschiedlichen Positionen zur Ganztagsschule beschleunigt. Mittlerweile wird der Ausbau des Ganztagsangebots parteienübergreifend befürwortet. Der Weg von der politischen Absichtserklärung zur flächendeckenden Realisierung ist allerdings noch weit.

Die zeithistorische Studie über die Diskurse und Politiken zur ganztägigen Bildung und Erziehung von Schulkindern im BRD-DDR-Vergleich möchte die aktuelle bildungspolitische Diskussion durch eine historische Langzeitanalyse mit vergleichendem Blickwinkel vertiefen. Die systematische Vergleichsperspektive ermöglicht es, die spezifische Entwicklung der Bundesrepublik herauszuarbeiten. Dies bietet die Chance zu verstehen, welche politischen und kulturellen Faktoren in der Bundesrepublik den Ausbau des Ganztagschulangebots bislang blockierten.
Bundesrepublik und DDR, die nach 1945/1949 diametral entgegengesetzte Pfade bei der Gestaltung ihrer Bildungs-, Erziehungs- und Sozialsysteme einschlugen, teilten eine gemeinsame Tradition: die in der Weimarer Republik institutionalisierte Aufgabenteilung zwischen Staat, Gesellschaft und Familie, bei der Schulbildung als Staatsaufgabe und Kindererziehung als Elternpflicht definiert und ein öffentliches Erziehungsangebot nur für soziale Problemfälle vorgesehen war. Die Bundesrepublik knüpfte an dieses Modell an, dem das Ernährer-Hausfrau-/Zuverdienerin-Ideal zugrunde lag. Die DDR beschritt hingegen einen neuen Weg, der Kindererziehung offiziell zur Staatsaufgabe machte. In der Praxis blieb die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern trotz einer hohen Frauenerwerbsquote weitgehend unangetastet, so daß für die "staatssozialistische" Kleinfamilie vom "Zwei-Verdiener-Hausfrau/Mutter"-Modell gesprochen werden kann.


Projektgruppe Wirtschaftsgeschichte

Wirtschaftliche Integrationsprozesse und ihre Perzeption in West und Osteuropa

Leiter: André Steiner

André Steiner
Teilprojekt 1: Wirtschaftliche Effekte des westeuropäischen Integrationsprozesses von den 1950er bis in die beginnenden 1970er-Jahre

Mit dem Projekt sollen die wirtschaftlichen Effekte der westeuropäischen Integration in ihren frühen Phasen von Anfang der fünfziger bis in die beginnenden siebziger Jahre bestimmt, ihre Rückkopplung mit der Politik der europäischen Institutionen sowie der nationalen Regierungen - hier exemplarisch der deutschen Bundesregierung - aufgezeigt und die Wirkungskanäle der Integrationsmaßnahmen untersucht werden. Im Mittelpunkt der zweiten Projektphase steht an Hand der Handels- und Wettbewerbspolitik die Frage, welche Integrationsmaßnahmen von den europäischen Institutionen mit welchen Zielen in die Wege geleitet bzw. verhindert wurden und inwieweit dabei wirtschaftliche Effekte antizipiert und das Erreichte gewürdigt wurde. Dabei ist die Einflußnahme der Bundesregierung ebenso wie der Wirtschaftsverbände in den Blick zu nehmen. Zudem sind, um die Wirkungskanäle der Integration näher zu bestimmen, einzelne Unternehmen daraufhin zu untersuchen, inwieweit sie ihre Strategie an Integrationsschritten ausrichteten.

Dagmara Jajeśniak-Quast
Teilprojekt 2: Reaktionen auf die westeuropäische Wirtschaftsintegration in Ostmitteleuropa: Die Tschechoslowakei und Polen von den 1950er bis zu den 1970er-Jahren

Das Projekt untersucht die Wahrnehmung der westeuropäischen Wirtschaftsintegration in Ostmitteleuropa und die daraus resultierenden außenwirtschaftlichen Reaktionen gegenüber den Mitgliedsländern der Europäischen Gemeinschaften. Dabei wird angenommen, dass es ein Spannungsfeld gab zwischen der politisch motivierten Ablehnung der westeuropäischen Integration in den sozialistischen Staaten und dem wirtschaftlich bedingten Bestreben einiger dieser Staaten, zu den EG-Mitgliedsländern Handelskontakte zu unterhalten. Die gewählten Beispiele sind Polen und die Tschechoslowakei, die für die Zeit vom Beginn der fünfziger bis in die siebziger Jahre hinein betrachtet werden. In der zweiten Projektphase sollen primär die von Polen und der Tschechoslowakei in bezug auf den Westhandel getroffenen wirtschaftspolitischen Entscheidungen, deren Konsequenzen für ihre Handelskontakte zum Westen und die damit in Zusammenhang stehenden Auswirkungen auf ihre Binnenwirtschaft im gleichen Zeitraum untersucht werden. Es ist zu zeigen, welche wirtschaftlichen Interessen in diesem Bereich verfolgt wurden und welches Gewicht sie im Vergleich zu politischen Aspekten erlangten.

Sibylle Gausing
Teilprojekt 3: Der innerdeutsche Handel und der westeuropäische Integrationsprozeß: Die These von der Quasi-Mitgliedschaft der DDR in der EWG

Gegenstand des wirtschaftshistorischen Dissertationsprojektes ist der Warenverkehr zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik in den Jahren 1953 bis 1973. Ein Sonderprotokoll zu den Römischen Verträgen ermöglichte, dass die Regelung des Handels zwischen den beiden deutschen Teilstaaten auch nach Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft Sache der Bundesregierung war. Damit blieb seine Ausnahmestellung erhalten, die sich u.a. in der valutafreien Verrechnung, einem zinslosen Überziehungskredit, der Zoll- und Abschöpfungsfreiheit sowie Umsatzsteuervergünstigungen niederschlug, obwohl der Warenverkehr mit der deutsch-deutschen Grenze auch die zur Montanunion bzw. EWG überschritt. Für die DDR entstand ein wirtschaftlicher Nutzen, auf den von Kritikern und Neidern mit der Frage nach ihrer "heimlichen Mitgliedschaft in der EWG" hingewiesen wurde. Mit diesem Projekt soll erstens dieser Nutzen quantifiziert und seine Konsequenzen für den Handel der DDR mit den anderen EWG-Mitgliedsländern bestimmt werden. Zweitens wird der Stellenwert des innerdeutschen Handels für die Bundesregierung, die westdeutsche Wirtschaft und die DDR-Spitze analysiert. Damit stehen die wirtschaftlichen Aspekte des komplexen Dreierverhältnisses Bundesrepublik - DDR - EWG im Mittelpunkt des Vorhabens.

Matthias Judt
Teilprojekt 4: Der Bereich kommerzieller Koordinierung in der DDR und die Ausnutzung der westeuropäischen Integration

Mit dem Projekt soll die Geschichte des Nichtplanhandels der DDR in den siebziger und achtziger Jahren erforscht werden, der ganz wesentlich von Firmen des "Bereiches Kommerzielle Koordinierung" (KoKo) abgewickelt wurde. Jenseits der seit Beginn der neunziger Jahre auf die Darstellung des "Sensationellen" fokussierten Berichterstattung über die KoKo steht fest, dass der Bereich ein effizientes marktwirtschaftliches Instrument der DDR-Planwirtschaft war. Dabei steht die "normale" Geschäftstätigkeit von KoKo im Mittelpunkt des Projektes. Den größten Teil ihrer dieser Geschäfte wickelte die KoKo mit Partnern in der Bundesrepublik und in anderen EWG/EG-Ländern ab. Somit wurde der Handlungsspielraum der KoKo-Unternehmen außerhalb der DDR im wesentlichen durch den westeuropäischen Integrations- und Erweiterungsprozess geprägt. In dem Projekt soll dieses "äußere" Bedingungsgefüge in seiner Wirkung auf die Tätigkeit der KoKo analysiert werden.

Anja Schneider
Teilprojekt 5: RGW-Integrationsbeschlüsse und ihre Konsequenzen für die Strukturentwicklung in der DDR und Polen

östlichen Wirtschaftsbündnis (RGW) für den Strukturwandel in zwei seiner Mitgliedsländer analysiert werden. Die DDR und Polen stehen dabei jeweils für eines der höchstentwickelten und eines der weniger entwickelten Länder des RGW. Aus systemimmanenten Gründen blieb die Produktionsspezialisierung das wichtigste Instrument im Integrationsprozess der RGW-Volkswirtschaften. In einem zugleich vergleichenden und verflechtungsgeschichtlichen Ansatz soll das Zustandekommen, die Umsetzung und die Konsequenzen der Spezialisierungsvereinbarungen am Beispiel der DDR und Polens aufgezeigt werden. Letztlich können damit Möglichkeiten und Grenzen der Wirtschaftintegration unter den Bedingungen eines planwirtschaftlichen Systems konkreter als bisher bestimmt werden.

Alle Rechte an Texten, Bildern und sonstigen Inhalten liegen beim ZZF (2011).