LanguageSwitcher
   Projekte 2015       Projekte 2014       Projekte 2013       Projekte 2012       Projekte 2011       Projekte 2010       Projekte 2008       Projekte 2006/2007   

Projektbereich IV

Die Kulturen des Politischen. Repräsentationen und Formen politischer Integration im 20. Jahrhundert

Leiter: Christoph Classen und Thomas Mergel
Laufzeit: Januar 2006 - Dezember 2007

 

Christoph Classen
Politik als Fiktion. Ordnungsvorstellungen in Filmen und Fernsehbeiträgen der Bundesrepublik 1950–2000

Das Vorhaben untersucht die Darstellung von gesellschaftsbezogenen, politischen Konflikten in fiktionalen Filmen und Fernsehbeiträgen der Bundesrepublik zwischen den 1950er und den 1990er-Jahren. Das Interesse richtet sich dabei auf den Wandel kollektiver Ordnungsvorstellungen in der Geschichte der Bundesrepublik sowie auf die sich verändernden Erwartungen gegenüber Politik und ihrer Leistungsfähigkeit.
Fiktionale Darstellungen politischen Handelns lassen nicht nur tiefe Einblicke in politisch-kulturelle Vorstellungswelten zu, sie tragen umgekehrt auch maßgeblich zu deren Ausprägung bei. Eine systematische Untersuchung dieses Phänomens in historischer Perspektive steht bisher aus.
Die jeweiligen Repräsentationen des Politischen werden vor dem Hintergrund des Spannungsverhältnisses von nationalen politisch-kulturellen Traditionen einerseits und Kulturtransfers sowie supranationalen Medialisierungsprozessen anderseits untersucht. In einer weiteren Perspektive situiert sich das Projekt damit im Kontext von Forschungen zu Demokratisierungsprozessen in Westdeutschland, die es um eine kulturgeschichtliche Perspektive zu erweitern sucht.

Thomas Mergel
Amerikanisierung, Europäisierung oder nationale Traditionen? Vergleichende Fallstudien zur Wahlkampfkultur in Europa 1945–1990

Das Projekt untersucht vergleichend die öffentliche Dimension der Wahlkampfkultur in der Bundesrepublik, Großbritannien, Frankreich und Italien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Fragestellung zielt darauf, ob und in welchem Maße es zu Amerikanisierungsprozessen der politischen Kultur gekommen ist, inwieweit nationale Traditionen der politischen Kultur doch die politische Kommunikation noch lange bestimmt haben und ob - und falls ja: in welchen Feldern und bis zu welchem Grad - Prozesse der europäischen Konvergenz zu beobachten sind. Die Untersuchung richtet sich auf die mediale Darstellung von Politik und deren diskursive Reflexion; insofern fragt sie nach der öffentlichen Inszenierung von Demokratie, sowohl in der Abgrenzung von alternativen politischen Modellen wie auch in der Integration der political society, die der Wahlkampf immer auch darstellt. Gleichzeitig fragt die Untersuchung nach der Reichweite des amerikanischen Vorbilds und stellt damit Annahmen über Amerikanisierung oder Westernisierung zur Diskussion, die mitunter allzu schnell für gegeben erachtet werden. Das Ziel besteht darin, im Medium der Wahlkampfkommunikation zu bestimmen, inwieweit wir von der Entwicklung einer (west-)europäischen politischen Kultur sprechen können, und in welcher Weise hierfür die Auseinandersetzung mit und die Amalgamierung von unterschiedlichen politischen Traditionen dafür leitend gewesen ist (Reinhard 2001).

Pavel Kolar
Sozialistische Meistererzählungen im lokalen Raum: Die Geschichte der regionalen Abeiterbewegung in der DDR, der Tschechoslowakei und Polen (1953–1970)

Das Projekt beschäftigt sich mit der historischen Identitätsstiftung und Binnenlegitimität in den kommunistischen Arbeiterparteien der DDR, der Tschechoslowakei und Polens im Zeitraum 1953-1970. Es zielt auf Diskurse und Praktiken der örtlichen Kommissionen für Parteigeschichte und Agitprop-Abteilungen der regionalen Parteileitungen unter der Frage, wie die zentral verordneten, sinnstiftenden ideologischen Vorgaben ("sozialistische Meistererzählungen") von den lokalen Geschichtspropagandisten wahrgenommen, aufgearbeitet und umgestaltet wurden. Dadurch werden sowohl die Polyphonie der lokalen Denkwelten wie auch die Mechanismen der Festigung binnenparteilicher Kohärenz und Legitimität im Spannungsfeld Region - Nation - Internationalität in den Blick genommen. Die bisherige Untersuchung der Tätigkeit der örtlichen Geschichtskommissionen zeigte, dass die Parteigeschichtsschreibung im Kontext der gesamten ideologischen Arbeit des lokalen Parteiapparates betrachtet werden muss. Neben den historiographiegeschichtlichen Aspekten wird nun die Erforschung parteiinterner institutioneller Kommunikationspraktiken, Diskurse und Handlungsformen stärker berücksichtigt sowie auch erfahrungs- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte, indem die Selbstwahrnehmung und Identitätsdoktrin der lokalen Parteihistoriker und Propagandisten thematisiert werden.

Christopher Görlich
Urlaub vom Staat. Zur Geschichte des FDGB-Feriendienstes in der DDR

as Projekt untersucht den Urlaub der DDR-Bürger als alltagsweltliches Integrationsmuster. Rekreation von Arbeitskraft, politische Kontrolle, Disziplinierung und Erziehung des Reisenden waren vom Anfang an bestehende Motive der DDR, die Organisation von Urlaub zu verstaatlichen. Zudem sollte der Urlaub, der erstmals für breite Bevölkerungsgruppen verfügbar wurde, zum Vehikel für Legitimation und Konsensstiftung werden. Zugleich aber stand der Intension des Staates die Rezeption des DDR-Bürger gegenüber, die versuchten, sich während der schönsten Wochen des Jahres dem staatlichen Zugriffs zu entziehen, wie die Zunahme des Individualtourismus zeigt, der letztlich Ausdruck des "touristische[n] Eigensinn[s]" war.
Der Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes Deutschlands (FDGB-Feriendienst), der größte Reiseveranstalter in der DDR steht dabei im Mittelpunkt der Betrachtung. Ergänzt werden soll die Untersuchung durch asymmetrische Vergleiche mit dem NS-Staat und der BRD, um die Eigenarten und Besonderheiten der FDGB-Feriendienst-Reisen herauszuarbeiten.

 

Klaus Große Kracht
Neokonfessionalismus oder "zivile" Religion? Die "Katholische Aktion" in Deutschland im Vergleich mit Frankreich und Polen (1945–1965)

In dem Projekt werden am Beispiel katholischer Laiengruppierungen in der Gründungs- und Konsolidierungsphase der Bundesrepublik die religiös-kulturellen Akzeptanzrahmen säkularisierter, rechtsstaatlicher Herrschaft untersucht. Analysiert werden die gesellschaftlichen und politischen Ordnungsvorstellungen katholischer Laien, die sich zwischen 1945 und etwa 1965 dem Geist der Actio Catholica, einer weltweiten päpstlichen Mobilisierungskampagne zur ‚Verchristlichung der Gesellschaft', verpflichtet fühlten. Das Projekt soll einen Beitrag liefern sowohl zur Geschichte des deutschen Katholizismus zwischen Kriegsende und Zweitem Vatikanischem Konzil (1962-1965) als auch zur inneren Gründungs- und Integrationsgeschichte der Bundesrepublik. Untersucht wird die Transformationsgeschichte des westdeutschen Laienkatholizismus von einer defensiven, liberalismuskritischen und milieugebundenen Konfessionsgruppe hin zu einem mehrheitsorientierten "Konsenskatholizismus" in der frühen Bundesrepublik. Der Vergleich mit zeitgleichen Veränderungsprozessen innerhalb des Laienkatholizismus in Frankreich und Polen soll darüber hinaus die politisch-weltanschaulichen Integrations- bzw. Abschottungsprozesse des europäischen Katholizismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter unterschiedlichen politischen Systembedingungen im allgemeinen Kontext des Kalten Krieges in den Blick nehmen.

 

Árpád v. Klimó
Katholische Selbstverständigung unter der Bedingung von Diktatur und Demokratie. Die "Katholische Aktion" in Ungarn und Italien im Spannungsfeld von ""Amerikanisierung" und "Sowjetisierung" (1945–1969)

Wie wirkte sich die Kirchenpolitik einer kommunistischen Diktatur auf katholische Milieus und Identitäten aus? Wie entwickelten sich diese dagegen in einer Demokratie? Diese Fragen werden erstmals vergleichend am Beispiel der überwiegend katholischen Länder Ungarn und Italien untersucht. Die beiden 1946 ausgerufenen Republiken bieten sich - trotz aller Unterschiede - aufgrund einer vergleichbaren Ausgangslage für einen kontrastierenden Vergleich an. In beiden agrarisch geprägten Ländern gab es Erfahrungen mit deutscher Besatzung, faschistischer bzw. autoritärer Herrschaft und einer langen nationalliberalen Hegemonie vor 1918. Vor diesem Hintergrund waren blühende katholische Laienbewegungen entstanden, die bei Kriegsende 1945 in allen Bereichen von Gesellschaft und Kultur präsent waren. Geistliche und Laien äußerten Hoffnungen auf eine (katholische) Christianisierung von Staat und Gesellschaft, was zu schweren Konflikten führte. Wie veränderten sich die Antworten auf die Frage der katholischen Identität in der Zeit der ideologischen Konfrontation und in der Phase der Entspannung? Italien als christdemokratisch dominiertes Land und das stalinistische Ungarn, wo der spektakuläre Mindszenty-Prozeß (1949) und der Aufstand von 1956 stattfanden, gehörten lange zu viel beachteten Schauplätzen des Konfliktes zwischen Katholizismus und Kommunismus, bevor Polen seit der Papstwahl 1978 größere Aufmerksamkeit erhielt. Der auch beziehungsgeschichtliche Aspekte einbeziehende Vergleich wird neue Erkenntnisse über die Herausbildung eines spezifisch europäischen Verhältnisses zwischen Katholiken, Politik und moderner Gesellschaft erbringen. "Identität" wird dabei als breites Konzept aufgefaßt. Was es bedeutete, Katholik zu sein, manifestierte sich nicht nur in intellektuellen oder theologischen Diskursen, sondern auch im Habitus der Gläubigen, in Gesten und Symbolen, in kleinen Gemeinschaften und an heiligen Orten, die gegen die Diktatur, aber manchmal auch gegen die Kirche selbst verteidigt werden mußten.

Mario Keßler
Kommunismusforschung als politische Bildung. Franz Borkenau, Arkadij Gurland, Richard Löwenthal und Ossip K. Flechtheim zwischen Weimarer Republik, Exil und Bundesrepublik

Das im Januar 2004 begonnene Projekt versteht sich als disziplingeschichtliche Studie mit dem Schwerpunkt einer Gruppenbiographie. Untersuchungsgegenstand ist der spezifische Anteil remigrierter Wissenschaftler bei der Ausformung der Kommunismusforschung als akademischer Disziplin in der Bundesrepublik Deutschland und Westberlin. Lebenslauf und intellektuelle Prägung dieser Wissenschaftler sind aber für die Frühgeschichte der Bundesrepublik atypisch.
Das Projekt untersucht, bei Weiterführung der konzeptionellen Linien des Erstantrages, die Interdependenzen zwischen wissenschaftlichem Werk und biographischer Erfahrung. Dabei bleibt ein zentrales Problem, inwieweit normative Wertbezüge im wissenschaftlichen Werk der genannten Persönlichkeiten auf biographischen Erfahrungen beruhten und diese wiederum durch wissenschaftliche Arbeit rationalisiert wurden. Die Fragestellung, wie die von den Remigranten betriebene und vermittelte Art der Kommunismusforschung die politische Bildung und wissenschaftliche Kultur der Bundesrepublik mitprägen half, sucht einen spezifischen Beitrag zum Gelingen des Gesamtprojektes über "Die Kultur des Politischen" zu leisten.

Tobias Schulz
Zur Praxis "sozialistischer" Wissenschaft. Das Beispiel der Humboldt-Universität zu Berlin, 1965–1985

Am Beispiel der Humboldt-Universität zu Berlin soll die Praxis von Forschung, Lehre und Ausbildung an einer sozialistischen Universität untersucht werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach der Durchherrschung des universitären Alltags an einer ideologisch formierten Staatsuniversität. Es soll analysiert werden, welche Formen von wissenschaftlicher Funktionalität sich in den Grenzen einer "beherrschten Normalwissenschaft" an der Universität entwickelten. Neben den verschiedenen Akteuren innerhalb der Universität werden die wissenschaftspolitischen, staatlichen und parteilichen Instanzen in die Untersuchung einbezogen. Als Ausschnitt aus den komplexen Strukturen der Humboldt-Universität sollen drei Fachbereiche fokussiert werden: Geschichtswissenschaft, Chemie und Marxismus-Leninismus. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich vom Ende der sechziger bis zur Mitte der achtziger Jahre, also dem Zeitraum zwischen der Transformation der bürgerlichen Ordinarienuniversität zur sozialistischen Universität, die Ende der sechziger Jahre strukturell abgeschlossen war, und der beginnenden Orientierungskrise der DDR-Gesellschaft Mitte der achtziger Jahre.

Alle Rechte an Texten, Bildern und sonstigen Inhalten liegen beim ZZF (2011).