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Die schwierige Vergangenheit Teil I

Filme aus der DDR und aus Osteuropa

Zentrum für Zeithistorische Forschung in Kooperation mit dem Filmmuseum Potsdam



In der Filmreihe wurden von Mai bis Dezember 1999 Spielfilme aus der DDR und aus Osteuropa gezeigt. Sie gaben Einblicke in die künstlerischen Auseinandersetzungen mit Krieg und nationalsozialistischer Vergangenheit. Historiker und Filmwissenschaftler führen in Zeit- und Produktionsumstände ein, Regisseure, Schnittmeister und Autoren waren zu einigen Filmvorführungen anwesend. Die DEFA-Filme der sechziger und siebziger Jahre (Die gefrorenen Blitze, Koffer mit Dynamit, Die Russen kommen, Jakob der Lügner) stehen für die Bemühungen von Filmkünstlern und Autoren um eine massenwirksame, glaubhafte Darstellung und Vermittlung des Antifaschismus der DDR, insbesondere für junge Zuschauer. Die Filme aus Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und der UdSSR der fünfziger und frühen sechziger Jahre spiegeln die doppelte Auseinandersetzung mit dem deutschen Kriegsgegner und mit Problemen in der eigenen, stalinistisch überformten Gesellschaft wider.
Nach den Vorführungen gab es Gelegenheit zur Diskussion.



Die 1999 gezeigten Filme:

Jakob der Lügner
(Frank Beyer, DDR 1975)
11. Mai 1999, 19.30 Uhr

Die Russen kommen
(Heiner Carow, Claus Küchenmeister, DDR 1968)
8. Juni 1999, 19.30 Uhr

Die gefrorenen Blitze
(Janosz Veiczi, Harry Thürk, DDR 1967)
6. Juli 1999, 19.30 Uhr

Die Passagierin
(Andrzej Munk, Witold Lesiewicz, Polen 1961-63)
14. September 1999, 19.30 Uhr

Koffer mit Dynamit
(Milos Makovec, Jan Koplowitz, DDR/CSSR 1963)
12. Oktober 1999, 19.00 Uhr

Klarer Himmel
(Grigori Tschuchrai, UdSSR 1961)
2. November 1999, 19.30 Uhr

Professor Hannibal
(Zoltán Fábri´, Ungarn 1956)
7. Dezember 1999, 19.30 Uhr



Die Filme im Einzelnen:


Dienstag 11. Mai 1999, 19.30 Uhr, Filmmuseum Potsdam

Jakob der Lügner

(Frank Beyer, DDR 1975, 101 min)

Einführung: Dr. Günter Agde

Eine tragikkomische Geschichte über das "alltägliche" Überleben in einem jüdischen Ghetto in Osteuropa 1944 nach dem gleichnamigen Buch von Jurek Becker. Jakob Heym hört zufällig vom Vormarsch der Roten Armee und erfindet weitere Meldungen. Er behauptet, ein Radio versteckt zu haben. Eine Lüge wird wahr und gibt Hoffnung. Doch die Transporte in die Todeslager gehen weiter. Der Film wurde als einzige DEFA-Produktion zur Oskar-Preisverleihung nominiert.

Im Anschluß an die Filmvorführung besteht die Gelegenheit zum Gespräch mit dem Regisseur.



Dienstag, 8. Juni 1999, 19.30 Uhr, Filmmuseum Potsdam

Die Russen kommen

(Heiner Carow, Claus Küchenmeister, DDR 1968/87, 96 min)

Einführung: Dr. Thomas Heimann im Gespräch mit Evelyn Carow (Schnittmeisterin des Films)

Es ist der konsequenteste Versuch der DEFA, sich mit der HJ-Generation und verbreitetem Mitläuferverhalten auseinanderzusetzen. Ein Junge glaubt 1945 noch an den Endsieg. Er beteiligt sich an der Jagd auf einen entflohenen russischen Fremdarbeiter, ein Polizist erschießt den Wehrlosen. Der Junge erhält eine Auszeichnung. Beim Fronteinsatz des letzten Aufgebots wird er von der Roten Armee gefangen genommen. Als der ebenfalls gefangene Polizist sein Schweigen erpressen will, weigert er sich. Doch die psychischen Schädigungen des Jungen sind enorm. Der Film war in der DDR fast zehn Jahre verboten und wurde erst 1987 aufgeführt; ein radikaler Film auch in seinen ästhetischen Mitteln, der sich gängigen Heroisierungen versagt.



Dienstag, 6. Juli 1999, 19.30 Uhr, Filmmuseum Potsdam

Die gefrorenen Blitze

(Janocz Veiczi, Harry Thürk, DDR 1967, 166 min)

Einführung: Dr. Burghard Ciesla

Widerstandsgruppen versuchen, die Raketenproduktion in Peenemünde und im Harz zu sabotieren. Sie leiten Informationen über die Rüstungspläne NS-Deutschlands an die britische Regierung weiter, die sich schließlich zu Luftangriffen entschließt, die Produktionstätten aber nicht vollends vernichten können. Eine der aufwendigsten DEFA-Produktionen der sechziger Jahre, mit handwerklich soliden Trickbauten des Spielfilmstudios Babelsberg; eine Widerstands- und "Kundschafter"- Geschichte im Gewand des Abenteuergenres.



Dienstag, 14. September 1999, 19.30 Uhr, Filmmuseum Potsdam

Die Passagierin

(Andrzej Munk, Witold Lesiewicz, Polen 1961-63, 43 min)

Einführung: Kornel Miklos, Polnisches Kulturinstitut Berlin

Munk, einer der wichtigsten Vertreter der "polnischen Schule" neben Andrzej Wajda und Jerzy Kawalerowicz, interessiert sich für die psychologischen Beziehungen zwischen NS-Tätern und KZ-Opfern. Lisa, eine ehemalige KZ-Aufseherin in Auschwitz, glaubt bei einer Schiffsreise, eine ehemalige KZ-Insassin entdeckt zu haben. Bilder der Vergangenheit werden lebendig, zwingen sie zur Selbstrechtfertigung. Die Welt des Lagers kehrt alptraumhaft-surreal als quälende Erinnerung wieder zurück. Der Film blieb mit dem Tod des Regisseurs unvollendet und wurde von seinem Assistenten in die heutige Form gebracht. Ungedrehte Passagen sind durch Standfotos ergänzt.



Dienstag, 12. Oktober 1999, 19.00 Uhr, Filmmuseum Potsdam

Das höhere Prinzip

(Jiri Krejcik, CSSR 1959, 104 min)

Einführung: Dr. Jürgen Danyel

Eine Darstellung von Widerstand gegen die deutsche Besatzung aus tschechischer Sicht. Eine Gruppe von Schülern plant in einer Kleinstadt ein Attentat auf den Chef der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD, Reinhard Heydrich in Prag. Sie werden denunziert und hingerichtet; ein unschematischer Widerstandsfilm mit einer gesellschaftskritischen Ebene. Der Regisseur (Jahrgang 1918) zählt zwar zu den älteren Jahrgängen des tschechischen Nachkriegskinos, beeinflußte aber maßgeblich die "neue Welle" mit.



Koffer mit Dynamit

(Milos Makovec, Jan Koplowitz, DDR/CSSR 1963, 79 min)

Einführung: Dr. Simone Barck mit dem Drehbuchautor Jan Koplowitz

Nach der Okkupation der Tschechoslowakei durch Hitler-Deutschland 1939 geraten deutsche Emigranten in schwere Bedrängnis. Zu ihnen gehört die junge Frau Toni, die den Tschechen Honza liebt. Dieser, politisch naiv, verkennt die gefährliche Lage. Einem Mitglied der Emigrantengruppe, zumeist deutsche Kommunisten, wird ein Koffer mit Pässen aus dem Ministerium zugespielt. Durch seine Verhaftung gerät der Koffer an Honza, der nun sein Leben auf Spiel setzt und den Koffer für die Emiganten rettet. Stilistisch uneinheitlicher Film mit einem interessanten historischen Hintergrund.. Die Geschichte basiert auf einem authentischen Ereignis, worin Jan Koplowitz beteiligt war.



Dienstag, 2. November 1999, 19.30 Uhr, Filmmuseum Potsdam

Klarer Himmel

(Grigori Tschuchrai, UdSSR 1961, 103 min)

Einführung: Dr. Günter Agde

Der Titel ist Programm. Tschuchrai (Der Einundvierzigste, 1956, Die Ballade vom Soldaten, 1960) liefert eine konsequente Auseinandersetzung mit dem Stalinismus in einer Geschichte über den Krieg mit Hitler-Deutschland als stark symbolgeladene und heute naiv anmutende Antwort auf die Heroenfilme der späten Stalinära. Ein in deutsche Gefangenschaft geratener Flieger findet nach seiner Heimkehr in die UdSSR als "Vaterlandsverräter" keinen Platz in der Gesellschaft. Erst nach Stalins Tod (Im Fluß treiben Eisschollen) ändert sich seine Lage.



Dienstag, 7. Dezember 1999, 19.30 Uhr, Filmmuseum Potsdam

Professor Hannibal

(Zoltán Fábri, Ungarn 1956, 91 min)

Einführung: Ralf Schenk

Ein weltfremder Lateinlehrer zur Zeit des faschistischen Horthyregimes entwickelt eine Theorie, daß der Heerführer Hannibal durch eine kathargische Volksrevolution gestürzt worden sei. Er wird regimefeindlicher Auffassungen bezichtigt und aus dem Schuldienst entfernt. Der Professor übt öffentlich Selbstkritik vor einer fanatisierten Menge, die ihn schließlich zu Tode bringt. Eine vom "Tauwetter" beeinflußte Auseinandersetzung mit dem Faschismus als Allegorie auf den Stalinismus in Ungarn. Der Film wurde nach der Niederschlagung der Aufstandsbewegung 1956 zurückgezogen.

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