Die schwierige Vergangenheit II
Bilder von Verfolgung und Widerstand
September 2000 bis März 2001
Veranstaltungsreihe des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Kooperation mit dem Filmmuseum Potsdam
Nach dem ersten Zyklus "Die schwierige Vergangenheit" 1999 werden diesmal vor allem Spielfilme aus Osteuropa ins Blickfeld gerückt. Die noch frischen Erinnerungen an Konzentrations- und Vernichtungslager in den unmittelbaren Nachkriegsjahren werden in dem deutschen Film "Morituri" und dem polnischen "Die letzte Etappe", die Erfahrungen russischer Soldaten mit den deutschen Besatzern in "Ein Menschenschicksal" thematisiert. Unterschiedliche nationale Perspektiven auf die Geschichte des Widerstands vermitteln der DEFA-Film "Stärker als die Nacht", der rumänische "Die Donau brennt" und der tschechische "Das höhere Prinzip". Abschluss der Reihe bildet der ungarische Film "Kalte Tage". Er brach mit der Tabuisierung der Kollaboration in der Okkupationszeit und berührt in seiner Sicht auf die Verstrickung "einfacher Soldaten" in Greueltaten an Zivilisten auch höchst aktuelle Diskussionen über die Bewertung der deutschen Wehrmacht.
Zu jeder Vorführung wurden je eine ost- und eine westdeutsche Wochenschau aus dem deutschen Erstaufführungsmonat ausgewählt. Nach den Vorführungen ist Gelegenheit zur Diskussion.
Veranstaltungsort: Filmmuseum Potsdam im Marstall
Bitte beachten: Die Vorführungen bis Dezember beginnen jeweils um 19 Uhr, ab Januar 2001 um 20 Uhr
Unkostenbeitrag: 6 DM
Weitere Informationen:
ZZF: Tel. 0331/2899157
Filmmuseums Potsdam Kinokasse: Tel. 0331/2718112
Die Filme:
Morituri
(Eugen York, Deutschland 1948)
7. September 2000, 19 Uhr
Die letzte Etappe
(Wanda Jakubowska, Polen 1948)
5. Oktober 2000, 19 Uhr
Stärker als die Nacht
(Slatan Dudow, DDR 1954)
9. November 2000, 19 Uhr
Die Donau brennt
(Liviu Ciulei, Rumänien 1959)
7. Dezember 2000, 19 Uhr
Ein Menschenschicksal
(Sergej Bondartschuk, UdSSR 1959)
11. Januar 2001, 19 Uhr
Das höhere Prinzip
(Jiri Krejcik, CSSR 1959)
8. Februar 2001, 19 Uhr
Kalte Tage
(András Kovaczs, Ungarn 1966)
22. März 2001, 19 Uhr
Die Filme im Einzelnen:
Donnerstag, 7. September 2000, 19 Uhr
Filmmuseum Potsdam
Morituri
Deutschland 1948, Regie: Eugen York, 88 min
Einführung: Thomas Heimann
Unter diesem düsteren Titel, der an die Todgeweihten in den Arenen der römischen Antike erinnert, kam dieser Film 1948 in die Kinos. Er erinnerte die Zuschauer an die Konzen- trationslager und Verfolgungen unter dem Nationalsozialismus. Filmproduzent Artur Brauner, der selbst knapp den Lagern entronnen ist, gab die Anregung für diese Geschichte. Entflohene Häftlinge verschiedener Nationen, jüdische Überlebende, aus zerstörten Dörfern geflüchtete Bauernfamilien harren in den letzten Kriegsmonaten in einem Waldversteck zwischen den deutschen und russischen Frontlinien aus. Dieses zwischen Realismus und Melodram schwankende Zeitdokument erfuhr heftige bis ablehnende Reaktionen in den deutschen Kinos. Realisiert und fotografiert wurde es von Routiniers des Ufa-Kinos (Eugen York, Werner Krien, Bruno Monden) und dem Szenaristen des expressionistischen "Das Cabinet des Dr. Caligari", Herbert Warm.
Im Anschluß an die Filmvorführung besteht die Gelegenheit zum Gespräch mit Artur Brauner.
Donnerstag, 5. Oktober 2000, 19 Uhr
Filmmuseum Potsdam
Die letzte Etappe
Polen 1948, Regie:Wanda Jakubowska, 105 min
Einführung: Thomas Heimann
Die Filmemacherin Wanda Jakubowska wurde während der deutschen Besetzung Polens verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Sie überlebte das Kriegsende im Konzentrationslager Ravensbrück.Mit ihrer deutschen Leidensgefährtin Gerda Schneider schuf sie eine schonungslose Abrechnung mit dem SS-Lagersystem, zeigte Gewalt, Tod, Angst und Anpassung aber auch solidarisches Handeln und Überlebens- willen der internierten Frauen. Es ist die erste Filmarbeit nach Kriegsende, die solche Erfahrungen thematisiert. So wurde der Film in weiten Teilen vor Ort gedreht; er zeigt die Krematorien von Auschwitz, die noch kurze Zeit vorher in Betrieb gewesen waren. Auch die verschiedenen Sprachen der weiblichen Häftlinge auf der Tonspur der Originalfassung (polnisch, deutsch, russisch, französisch) unterstreichen das Bemühen um eine dokumentarische Haltung, die sich an Stilmitteln des polnischen Vorkriegs- kinos und manchen ideologisch bedingten Stilisierungen reibt.
Donnerstag, 9. November 2000, 19 Uhr
Filmmuseum Potsdam
Stärker als die Nacht
DDR 1954, Regie: Slatan Dudow, 117 min
Einführung: Simone Barck
Der Film steht am Beginn der zentralen Thematisierung des kommunistischen Widerstands im DEFA-Film. Noch vor der eigentlichen Festschreibung der Wider- standsgeschichte mit ihren "Helden" und "Gruppen" will er Schicksale "einfacher und ungewöhnlicher Menschen zugleich" in den Jahren 1933 bis 1944 zeigen. Nur motivisch angelehnt an reale Vorgänge im Hamburger Widerstandsmilieu um Bernhard Bästlein ist die Perspektive des Regisseurs Dudow und der Drehbuchautoren Jeanne und Kurt Stern auf die Probleme menschlichen Verhaltens im NS-Alltag gerichtet. Angesichts eines übermächtigen NS-Apparats und seiner Protagonisten, einer massenhaften Mitläuferschaft und verschwindend geringer NS-Gegner beleuchtet der Film die kommunistische Widerstandsarbeit als eine auf "verlorenem Posten" stehende, jedoch moralisch vorbildhafte nationale Tat. Die künstlerische Wirkung des emotional berührenden Films wird durch einen politisch aufgesetzten Schluss beschädigt, was schon die zeitgenössische Kritik vermerkte.
Donnerstag, 7. Dezember 2000, 19 Uhr
Filmmuseum Potsdam
Die Donau brennt
Rumänien 1959, Regie: Liviu Ciulei, 100 min
Einführung: Günther Agde
Ein Einzelner kämpft für seine Liebe und seine Ehre und seine Heimat - ein nahezu klassisches Kino-Muster wie im Western. Liviu Ciulei als Regisseur und Haupt- darsteller adaptierte die Bausteine dieses Genres, wie sie sich bis in die 50er Jahre hinein ausgeprägt hatten und wie sie seinerzeit in der bescheidenen Kinematographie des Landes gestattet waren. Die Verankerung der Story in der komplizierten Geschichte des rumänischen Widerstandes gegen die NS-Besatzung ermöglichte den Filmemachern, für den Helden klare Gegner zu fabulieren und ihm potentielle Helfer beizugeben. Der opferreiche Sieg war so ebenso gesichert wie es genügend Überlebende zum Aufbau eines neuen Lebens "danach" gab; insgesamt nicht nur ideelle Voraussetzungen für einen sozialistischen Action-Film rumänischer Prägung.
Donnerstag, 11. Januar 2001, 19 Uhr
Filmmuseum Potsdam
Ein Menschenschicksal
UdSSR 1959, Regie: Sergej Bondartschuk, 102 min
Einführung: Günther Agde
Die Erzählung Scholochows und seine Verfilmung durchbrachen mit erheblicher Lang- zeitwirkung und erstaunlicher Massenresonanz die Romantisierung und Monumen- talisierung der Kriegsthematik, wie sie bis dahin in der sowjetischen Kunst zu sehen waren. Sie gehören bis heute zu den wesentlichen Werken der "Tauwetter"-Phase. Die strikte, lebendig- nuancenreiche Konzentration auf das Schicksal eines einzelnen Menschen ist für einen einschneidenden Lebensabschnitt angelegt, der das ganze Land betraf: Krieg, Not der Besatzungszeit, Opfer, Größe und Elend des Sieges und die gleich schwierige Zeit danach. Die Geschichte ermöglichte so Pamphlet und Appell, Mitgefühl und Distanz, Reflexion und Verallgemeinerung, wie sie für das damalige sowjetische Kino überfällig waren und für klimatisch-politische Veränderungen so sehr gewünscht wurden.
Donnerstag, 8. Februar 2001, 19 Uhr
Filmmuseum Potsdam
Das höhere Prinzip
CSR 1959, Regie Jiri Krejcik, 104 min
Einführung: Jürgen Danyel
Im beliebten Genre von Lehrer-Pauker-Geschichten zeigt dieser Streifen über ein konflikthaftes Ereignis in einer tschechischen Kleinstadt 1942 ein weit gefächertes Panorama von menschlichen Verhaltensweisen unter der Nazi-Okkupation. Der das "höhere Prinzip", humanistische Bildung und Wahrhaftigkeit, verteidigende Gymnasiallehrer, scheitert tragisch nicht nur am Terror der Nazis, sondern ebenso an Opportunismus und Kollaboration seiner Kollegen und Mitbürger. Die aus verschiedenen sozialen Schichten kommenden Schüler spiegeln in ihren Haltungen die Schwierigkeiten, in Zeiten des Terrors das "höhere Prinzip" zu erkennen und in ihren Taten zu befolgen.
Donnerstag, 22. März 2001, 19 Uhr
Filmmuseum Potsdam
Kalte Tage
Ungarn 1966, Regie: András Kovaczs, 104 min
Einführung: Györgi Fehéri, Haus Ungarn, Berlin
1946: Vier Männer, Offiziere der ungarischen Armee, sitzen in einer Gefängniszelle und warten auf ihren Prozess. Sie haben sich wegen Teilnahme an einem Massaker im Winter 1942 zu verantworten, dem über dreitausend Menschen zum Opfer fielen, Folge eines Pogroms gegen serbische Partisanen und Juden. Sie erzählen ihre jeweilige Version und versuchen sich zu entlasten, doch ihre Verstrickung wird um so offen- kundiger. Der preisgekrönte Film war erst 1969 in der Bundesrepublik zu sehen. Kritiker hielten ihn für ein "völlig unsentimentales, gedanklich und handwerklich genau kalkuliertes Plädoyer gegen das Mitläufertum, ein Plädoyer für den Mut zur Individualität".