LanguageSwitcher
   Projekte 2015       Projekte 2014       Projekte 2013       Projekte 2012       Projekte 2011       Projekte 2010       Projekte 2008       Projekte 2006/2007   

Vom Stasi-Knast zum „Haus der Demokratie“
Dokumentations- und Zeitzeugen-Projekt für das Ausstellungsmodul "Die Lindenstraße 54/55 als Postdamer 'Haus der Demkokratie'"


Kooperationsprojekt des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam mit dem Potsdam-Museum

Gefördert durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Dikatur
Förderzeitraum 1.1.-31.12.2008

Projektleitung:
Hans-Hermann Hertle
Gabriele Schnell
Hannes Wittenberg

Bearbeiter: Dr. des Peter Ulrich Weiß

Ziel des Projektes ist die Erarbeitung einer Dokumentation über die friedliche Revolution im einstigen Bezirk und in der Bezirksstadt Potsdam, die sich auf die oppositionellen Gruppen und ihre Protagonisten, die Neuformierung zu Bewegungen und Parteien im Herbst 1989 und ihre Entwicklung hin zu den Organisationen der demokratischen Umgestaltung, die das Ende des SED-Staates herbeiführten, konzentriert.

Wie kein anderer Ort in Potsdam steht das Gebäude Lindenstraße 54/55 einerseits für die Kontinuität politischer Verfolgung im 20. Jahrhundert – andererseits aber auch für den Sieg der Demokratie in der friedlichen Revolution 1989/90.

Am 5. Dezember 1989 beschleunigten Potsdamer Bürgerrechtler mit einer Besichtigungs- und Kontrollaktion der MfS-Bezirksverwaltung und des Stasi-Gefängnisses den Auszug und das Ende der Staatssicherheit.

Am 17. Januar 1990, unmittelbar nach dem Auszug der Abteilungen IX und XIV der MfS-Bezirksverwaltung, nahmen die oppositionellen Gruppen das von Eingeweihten als „Lindenhotel“ bezeichnete Potsdamer Stasi-Gefängnis in ihren Besitz. In den Räumen, in denen noch kurz zuvor Stasi-Offiziere ihre Opfer verhörten, richteten Neues Forum, SDP/SPD, Demokratischer Aufbruch, Demokratie Jetzt, Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen, Argus/Grüne Liga, Grüne Partei und Vereinigte Linke ihre Stadt- und Bezirksbüros ein. Wenig später war das „Lindenhotel“ als Potsdamer „Haus der Demokratie“ weithin bekannt und Anlaufstelle unzähliger Bürgerinnen und Bürger, nicht nur aus der Stadt, sondern aus dem gesamten Bezirk Potsdam. Hier wurden die ersten Programme und Strukturen der neuen Kräfte weiterentwickelt und die ersten freien Wahlen in der DDR – Volkskammerwahl und Kommunalwahl – vorbereitet.

Innerhalb von nur acht Monaten war die anfänglich kleine Zahl oppositioneller Gruppen zunächst zum Kristallisationspunkt des Aufbruchs, dann zum „Katalysator für den Mobilisierungsprozess“ (Fehr) und schließlich zum Garanten für die Überwindung der Diktatur geworden, die in Doppelherrschaftsstrukturen wie dem Rat der Volkskontrolle, dem Runden Tisch der Stadt Potsdam, dem Bürgerkomitee zur Auflösung der Staatssicherheit und schließlich dem Runden Tisch des Bezirkes Potsdam und dessen Arbeitsgruppe Sicherheit Ausdruck fanden. Durch das demokratische Engagement, das sich in diesem Haus jetzt organisatorisch konzentrierte, wurde der friedliche Umbruch in der DDR unumkehrbar und die deutsche Einheit möglich.

Mit dem Projekt soll der Weg nachgezeichnet werden, den die im „Haus der Demokratie“ 1990 etablierten Gruppen und Parteien der Bürgerbewegung genommen haben, eingebettet in die für Potsdam spezifischen Ereignisse in den 1980-er Jahren über die besondere Situation im Jahr 1989 – extremer Anstieg der Flucht- und Ausreisebewegung, Anstieg der Häftlingszahlen im Potsdamer Stasi-Gefängnis – über die jeweiligen strukturellen Anfänge und die prägenden Ereignisse des Herbstes 1989 bis hin zur Wiedergründung des Landes Brandenburg und der deutschen Wiedervereinigung.

Das Projekt nimmt sich zum einen der Sicherung von schriftlichen Materialien (Flugblätter, Stellungnahmen von Gruppen, Redemanuskripte, Sitzungsprotokolle, interne Papiere, Briefwechsel etc.) zur Geschichte von Opposition und politischer Gegnerschaft im Brandenburgischen an, die sich bislang noch in privatem Besitz befinden, bevor diese Quellen unwiederbringlich verloren gehen. Recherchiert wird ebenfalls nach Fotos, Filmmaterial, Tagebuchaufzeichnungen und Exponaten wie Transparenten, Ordnerschleifen etc. pp.

Zum anderen werden 12-15 Interviews mit den Protagonisten der verschiedenen Gruppen durchgeführt. Ihre Aktivitäten haben bis zum Herbst 1989 zwar reichhaltigen Niederschlag in den Stasi-Akten gefunden, doch wäre es für die Nachlebenden verhängnisvoll, der Stasi und ihrem repressiven Tunnelblick als Chronist dieser Periode das letzte Wort zu überlassen. Für die Zeit des Umbruchs selbst entsteht mit den Interviews eine wichtige zeitgeschichtliche Quelle. Gefragt wird nach den ausschlaggebenden Gründen für die oppositionelle Haltung der Protagonisten, der Geschichte der Gruppe, der Bedeutung zentraler Ereignisse und der darauf bezogenen Haltungen und Positionen, nach den Potsdamer und brandenburgischen Spezifika, aber auch nach einer Bewertung der friedlichen Revolution 20 Jahre danach.

Mit dem Projekt wird die inhaltliche Grundlage für das Ausstellungsmodul „Haus der Demokratie“ in der Gedenkstätte „Lindenstraße 54/55“ geschaffen. Das erhobene Material wird im Rahmen des Ausstellungsprojektes in das Archiv der Gedenkstätte überführt, wo es für die Öffentlichkeit zugänglich ist, insbesondere aber auch für die Arbeit der Schülerprojektwerkstatt genutzt werden kann.

 
Alle Rechte an Texten, Bildern und sonstigen Inhalten liegen beim ZZF (2011).