LanguageSwitcher
   Staff       Mitarbeiter alphabetisch       ehemalige Mitarbeiter   
Jutta Braun / Peter Ulrich Weiß

Die Lindenstrasse 54/55 als „Haus der Demokratie“: Zusammenbruch und Überwindung der SED-Herrschaft im Bezirk Potsdam 1985-1990

Der ehemalige Grenzbezirk Potsdam galt in den 1980er Jahren als einer der „roten“ Bezirke in der DDR. Doch trotz des Anscheins von Stabilität war Potsdam nicht von der landesweiten gesellschaftlichen Entwicklung abgekoppelt, die zunehmend von zwei parallel verlaufenden Prozessen bestimmt war: Erstens von der allmählichen Erosion der SED-Herrschaft auf wirtschaftlichem, politischem und ideologischem Gebiet und zweitens vom erstarkenden Widerstand gegen das SED-Regime, der sich insbesondere durch die Ausreise- und Oppositionsbewegung zeigte. Insbesondere seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre entstanden bezirksweit eine Reihe von Gruppen bzw. Nischen, in denen, meist unter dem Dach der Kirche, gesellschaftskritisch diskutiert und Oppositionsarbeit geleistet wurde. Im Verlaufe des Jahres 1989 entwickelten sich diese Orte und Gruppen zunächst zu lokalen Kristallisationspunkten der Protestbewegung, dann zu Katalysatoren für den Mobilisierungsprozess und schließlich zu Garanten für die Überwindung der SED-Diktatur in der Region.

Zur Entstehung der Massenprotestbewegung und zum Zusammenbruch der SED-Herrschaft trugen allerdings weitere Faktoren bei, die es im Detail noch systematisch zu untersuchen gilt. Zu den wichtigsten Problemfeldern, die seit 1985 entscheidend zur Delegitimierung der SED in der Bevölkerung beitrugen, gehören u.a. die ökonomische Dauerkrise bzw. Mangelwirtschaft, der fortschreitende Innenstadtverfall bei gleichzeitigem Wohnraummangel, die Belastungen durch die Militärpräsenz sowie die zunehmend sichtbare Umweltzerstörung. Die Ära Gorbatschow und Impulse zu politischen Reformen in Polen und Ungarn setzten demgegenüber Signale für mögliche Alternativen. In der Folge wandte sich nicht nur die Jugend immer mehr von Staat und Ideologie ab, auch die Parteibasis der SED verlor zunehmend das Vertrauen. Diese Aspekte und ihre Wechselwirkung gilt es für den Bezirk Potsdam noch umfassend zu erforschen und in ihrer Bedeutung für das Ende der SED-Herrschaft zu gewichten. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von Mitte der 1980er Jahre bis zu den ersten Landtagswahlen im Herbst 1990.

Alle Rechte an Texten, Bildern und sonstigen Inhalten liegen beim ZZF (2011).