"Kinder von Tschernobyl".
Verflechtung von zivilgesellschaftlichen Initiativen in Deutschland und Belarus.
Das Projekt ist Teil des Projektverbundes „Politik und Gesellschaft nach Tschernobyl“, der von Dr. Arndt geleitet wird.
Seit 1986 haben hunderttausende belarussische Kinder, eingeladen und finanziert von deutschen Initiativen, einige Wochen oder Monate zur medizinischen Betreuung und Erholung in Deutschland verbracht. Dies war nur der sichtbarste Teil einer intensiven Kooperation zwischen deutschen und belarussischen zivilgesellschaftlichen Organisationen, deren Erforschung im Mittelpunkt dieses Teilprojektes steht.
Das Post-Doc-Projekt fragt mittels einer transfergeschichtlichen Herangehensweise vor allem danach, auf Basis welcher Wissenskulturen und mit welchen Argumentationsformen die Bewegungen, die in Folge der Katastrophe von Tschernobyl in Belarus und Deutschland entstanden, ihrem Widerstand gegen den staatlichen Umgang mit den Folgen des Unfalls bzw. gegen die Atomkraft als vertretbarer Energiequelle Ausdruck gaben. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den Transferprozessen zwischen deutschen und belarussischen Tschernobyl-Initiativen.
Der größte Anteil der internationalen privaten Hilfe für die betroffenen Menschen in Belarus kam aus Deutschland. Dort hatte sich – zumindest in der Bundesrepublik - nach der „Phase der Reform und Planungseuphorie“ seit den siebziger und den beginnenden achtziger Jahren ein vielschichtiges Krisenbewusstsein entwickelt. Diese auch wissenschaftskritische Grundstimmung führte zu vielfältigen Formen modernismuskritischen Protestes, der sich besonders stark in der entstehenden Umwelt- und Antiatomkraftbewegung äußerte. Bis Mitte der achtziger Jahre wurde sie zur stärksten Bürgerbewegung mit einem breiten Repertoire an Denkansätzen und Handlungsformen. Dabei spielten Gesundheitsdiskurse als Teil der zivilgesellschaftlichen Mobilisierungen eine entscheidende Rolle. Es fand ein Paradigmenwechsel im Spannungsfeld Umwelt-Gesundheit statt, indem letztere immer mehr sozial-ökologisch definiert und eng mit normativen Konzepten von Wohlbefinden, Lebensqualität, Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit verbunden wurde. Die weit reichende Verankerung dieser Neuen Sozialen Bewegung in der Gesellschaft, die unter anderem in der Gründung der Partei der Grünen mündete, führte letztlich dazu, dass Gesetze über einen allmählichen Ausstieg aus der Atomenergie möglich wurden.
Auf Grund des in den Nachkriegsjahren weit verbreiteten Glaubens an einen kalkulierbaren technischen Fortschritt verließ sich ein großer Teil der Bevölkerung auf die gefahrlose friedliche Nutzung der Atomenergie. Spätestens mit der Katastrophe in Tschernobyl wurde dieser Fortschrittsglaube von einer hoch sensibilisierten Betroffenheit über die Gefahren der Atomenergie abgelöst. Diese Betroffenheitskultur verband – im Gegensatz zu den Anfängen der Anti-AKW-Bewegung - ein breites Spektrum von Personen unterschiedlichster sozialer Herkunft und mit verschiedenen Bildungshintergründen, die vor der Katastrophe von der Anti-AKW-Bewegung kaum erfasst wurden und deren Argumentationen sich im Vergleich zu den Bewegungen vor Tschernobyl stark veränderten. Auch in der DDR führte die Katastrophe in der Ukraine mehr Menschen in die oppositionelle Umweltbewegung und verstärkte bei vielen anderen den Skeptizismus gegenüber dem für den Staatssozialismus typischen offiziellen Technikglauben. Ein großer Teil dieser Menschen in West- und Ostdeutschland wurde bereits vor der deutschen Vereinigung in der Tschernobylhilfe für Belarus aktiv und blieb es auch darüber hinaus.
Im Gegensatz zu der bereits erfahrenen Umweltbewegung in (West-)Deutschland steckte die belarussische Umweltbewegung bei der Gründung der unabhängigen Republik Belarus noch in den Kinderschuhen. Zwar fanden bereits Ende 1987 erste Demonstrationen statt, auf denen mit Bezug auf Tschernobyl vom "Genozid" an der belarussischen Bevölkerung durch das Sowjetregime gesprochen wurde. Aus den zunächst eher spontanen Bewegungen entstand allerdings erst im Laufe der Transformation von einer sozialistischen Sowjetrepublik zu einem unabhängigen Staat eine Vielzahl von Bewegungen, die sich der Aufarbeitung und Linderung der Folgen der Katastrophe verschrieben. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnten sie sich konsolidieren. Unterstützt insbesondere von deutschen Initiativen, setzten vielfältige Transferprozesse ein, die nicht nur Veränderungen in den belarussischen Bewegungen auslösten, sondern auch auf erstere zurückwirkten.
Das Projekt wird untersuchen, wie sich die Semantiken der Bewegungen zu den beschwichtigenden, auf Expertenwissen basierenden Sprechweisen von Regierung und Katastrophenverwaltern verhielten. Darüber hinaus ist zu analysieren, wie diese Modi des gegenstandsbezogenen Argumentierens zu Diskursen einer in den betrachteten Ländern unterschiedlich gestalteten politischen Opposition zum Staat und den herrschenden Expertenkulturen wurden und von diesen auch so verstanden wurden. Im Zentrum des Projektes steht die Frage nach dem Verhältnis von subjektivem Betroffenheitswissen (Angst vor Krankheit und Tod etc.) und sachliche Objektivität beanspruchendem Expertenwissen (Grenzwerte etc.). Besonderes Augenmerk wird dabei der Dynamik der Transferprozesse gewidmet, die sich durch das Engagement deutscher Organisationen in Belarus ergab. Als Untersuchungsobjekte dienen dabei die drei ersten und bedeutendsten belarussischen Initiativen sowie deren deutschen Partnerorganisationen: "Detjam Černobylja" /"Den Kindern von Tschernobyl", "Ėkodom"/"Heim-statt Tschernobyl", sowie die deutsch-belarussische Organisation "Nadežda".