Stadt und Staat
Städtebaulicher Wandel und politische Kultur in der Bundesrepublik und der DDR
Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts steht die Frage nach der Bedeutung von städtebaulichen Entwicklungen für das politische Selbstverständnis lokaler Akteure in der Bundesrepublik und der DDR. Auf der Grundlage von Fallstudien zu Bielefeld und Halle werden einzelne Phasen der städtebaulichen Entwicklung in den beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften auf ihre jeweiligen politisch-kulturellen Bedeutungshorizonte hin untersucht. Aufbau und Wiederaufbau, der Bau neuer Städte und die Modernisierung der vorhandenen Stadt waren in der Bundesrepublik wie in der DDR wichtige Handlungs- und Kommunikationsfelder für Kommunalpolitiker, Architekten und Stadtbewohner. Die unterschiedlichen Phasen der Stadtentwicklung und der Wandel städtebaulicher Leitbilder in Deutschland nach 1945 werden im Projekt im Hinblick auf die mit ihnen verbundenen Konsens- und Konfliktpotentiale im lokalen Raum thematisiert. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Arenen städtischer Öffentlichkeiten in beiden deutschen Gesellschaften nach 1945 von vielfältigen Bestrebungen gekennzeichnet waren, einen Konsens zwischen dem Selbstverständnis der politischen und sozialen Eliten und den Erwartungshaltungen der Stadtbewohner zumindest in symbolischer Hinsicht zu verdeutlichen. So repräsentierte sich inder baulichen Gestaltung des Stadtraums und den dadurch hervorgerufenen Veränderungen der städtischen Lebenswelten stets auch das jeweilige "Bild von Gesellschaft". Dieses stand in seinen Ansprüchen, Verheißungen und Zumutungen zur Disposition und ließ den veränderlichen Stadtraum zum Bedeutungsträger politischer und sozialer Erwartungshaltungen werden. Begreift man die Stadt als Vorstellungsraum von unterschiedlichen Akteuren, der selbst produzierend auf die Gestaltung des Stadtraumes wirkt, dann ergeben sich eine Reihe durchaus vergleichbarer Aspekte in der Stadtentwicklung der beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften. Denn für beide Gesellschaften und ihre städtischen Zusammenhänge gilt ohne Zweifel, dass die Planung und Realisierung der städtebaulichen Projekte die vorgefundene Stadt neu definieren musste und dies vor allem durch die Eliten der kommunalen Verwaltung und lokalen Parteien geschah. Dabei geht es nicht allein um die konkreten Inhalte der stadträumlichen Vorstellungswelten, sondern vielmehr auch um die Art und Weise, wie auf lokaler Ebene in der städtebaulichen Planung und in der Kommunikation über den veränderbaren bzw. veränderlichen Stadtraum sowohl auf die vorgefundene als auch auf die herzustellende Stadt Bezug genommen wird. Auf diese Weise geraten insbesondere die zeitlich bedingten und systemspezifischen Bezugnahmen auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der jeweiligen Stadt in den Blick. Das Ziel der Untersuchung besteht in der Beantwortung der Frage, inwieweit Städte ihrer Funktion als Kommunikations- und Vermittlungsräumen politisch-institutioneller Ordnungen angesichts der massiven Eingriffe in die städtischen Lebenswelten nach 1945 und der spezifischen politischen Rahmenbedingungen von Diktatur und Demokratie gerecht wurden.
Aufsätze zum Forschungsprojekt
Halle an der Saale – Chemiemetropole oder ‚Diva in Grau'. Zur bildlichen Repräsentation einer Stadt im Sozialismus, in: Alf Lüdtke/Karin Hartewig (Hrsg.), Die DDR im Bild. Zum Gebrauch der Fotografie im anderen deutschen Staat. Göttingen 2004, S. 51–68.
Als die Zukunft noch nicht vergangen war – der Aufbau der Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt 1958-1980. In: Werner Freitag/Katrin Minner/Andreas Ranft (Hrsg.): Geschichte der Stadt Halle, 2 Bände, Band 2: Halle im 19. und 20. Jahrhundert. Halle 2006, S. 442–456.
Gestalten oder Verwalten? Überlegungen zum Herrschaftsanspruch und Selbstverständnis sozialistischer Kommunalpolitik im letzten Jahrzehnt der DDR, in: Heinz Reif/Christoph Bernhardt (Hrsg.), Sozialistische Städte zwischen Herrschaft und Selbstbehauptung. Kommunalpolitik, Stadtplanung und Alltag in der DDR, Stuttgart 2009, S. 69–94.