Projekt
Imperiale Visionen: Nationen und Geschichtspolitik im Zarenreich und in der Sowjetunion, 1880-1953
(Projektantrag gemeinsam gestellt mit Herrn Professor Dr. Jörg Baberowski, Berlin)
Der Zusammenbruch der Sowjetunion als Vielvölkerreich macht die wissenschaftliche Beschäftigung mit Nationsbildung und historischer Selbstwahrnehmung in den neu entstandenen Staaten in Osteuropa, dem Kaukasus und Zentralasien zu einem höchst aktuellen Thema. Zu lange hat die westliche Forschung, darunter auch die Fachdisziplin der Osteuropäischen Geschichte, das Zarenreich und die Sowjetunion als monolithisches Gebilde verstanden. Geschichtsverständnis und dessen institutionelle Verankerung in der russischen/sowjetischen Historiographie sowie die Instrumentalisierung von „Geschichte“ durch politische Herrschaftsinstanzen wurden dabei stets aus dem zentralistischen Blickwinkel der Metropolen Moskau und St. Petersburg untersucht.
Vor diesem Hintergrund thematisiert das Projekt die Funktion und Wirkung offizieller Geschichtspolitik und Geschichtskultur im Zarenreich und in der (stalinistischen) Sowjetunion. Gegenstand des Projekts ist die (Re-)Kodifizierung, Medialisierung und Inszenierung von „Geschichte“ in einem multinationalen/-ethnischen Imperium sowie die Umsetzung imperialer Geschichtspolitik als Herrschaftsstrategie in den nichtrussischen Peripheriegebieten des Russländischen Imperiums und der Sowjetunion. In diesem Zusammenhang gilt es, Pendants zur (national)russischen Geschichtskultur in den nichtrussischen Gebieten zu finden und diese mit Hinblick auf die Entstehung dortiger nationaler Geschichtskulturen und nationaler Identität sowohl unter zarischer als auch unter sowjetischer Ägide - etwa im Zuge einer Re-Nationalisierung unter dem Vorzeichen des Sowjetpatriotismus - mit Blick auf bestehende Brüche und Kontinuitäten hin zu untersuchen. Von zentraler Bedeutung sind diesbezüglich die seit dem späten 19. Jahrhundert in Russland offiziell ausgerichteten Feiern um den Schöpfer der russischen Nationalliteratur Aleksandr Puškin (1799-1837), welche nach 1917 schrittweise sowjetisch „umcodiert“ wurden und als Ausgangpunkt für eine Untersuchung analoger Ereignisse und Pendants in anderen Teilen des russländischen und sowjetischen Vielvölkerreiches dienen können. Dies sind im Einzelnen für die Ukraine die Jubiläumsfeierlichkeiten um den Nationaldichter Taras Ševcenko (1814-1861), für Aserbaidschan und die islamischen Bergvölker des Kaukasus der Kult um den legendären Sultan Imam Šamil’ (1797-1871), für Usbekistan die offizielle Inszenierung der Gestalt des islamischen Renaissance-Gelehrten Ališer Navoi (1441-1501) sowie für Kasachstan die Feierlichkeiten um den Sänger und „Volkshelden“ Džambul Džabaev (1846-1945) und der staatlich verordnete Kult um den mongolischen Heerführer Cingiz Chan (1155-1227).
Als engerer Untersuchungszeitraum wurden die Jahre 1880 bis 1953 gewählt. Die ersten Bemühungen um eine von hauptstädtischen Instanzen koordinierte offizielle Geschichtspolitik lassen sich - insbesondere mit Blick auf die nichtrussischen Provinzen - im vorletzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts verorten. Auch die von Seiten gesellschaftlicher Organisationen inszenierte Erinnerungskultur im Umfeld wichtiger Jubiläumsfeierlichkeiten erreichte in diesen Jahren einen ersten Höhepunkt. Für die Sowjetunion erstreckt sich die Analyse zeitlich über die zwanziger und dreißiger Jahre, den Zweiten Weltkrieg bis zum Spätstalinismus der Nachkriegszeit. Das Ende markiert Stalins Tod im Jahre 1953 – ein Ereignis, welches mit Blick auf die nun folgende „Entstalinisierung“ als bedeutende Zäsur für das Land und seine Geschichtspolitik angesehen werden kann.