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Dr. Igor J. Polianski

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Projekt 2008

Atheistische Erinnerung und kommunistischer Untergang

Spätsowjetische Inszenierungen von Fortschritt und Geschichte in atheistischen Lektüren, Museen, Topographien und Riten zwischen Utopieverlust und erinnerungskultureller „Wiederverzauberung“ (1957-1991)

Das Projekt schließt an das für die Gedächtnisforschung maßgebende, u.a. auf die Stätten der Verkündigung im Heiligen Land von Maurice Halbwachs zurückgehende Motiv „Religion und Erinnerung“ an. Die Untersuchungsgegenstände sind aber nicht die Kirchen, sondern ihre Erinnerungsspuren im Funktions- und Speichergedächtnis des Sowjetatheismus, der sie im Spannungsfeld zwischen „Gedächtnismord“ und „Erinnerungsgebot“ aufbewahrte. Dieses Gedächtnis bediente sich spezieller Stätten und Medien (Atheismusmuseen, atheistische Kalender, religionsgeschichtliche Stadtrundfahrten, Malerei, Ritualorte), die im Projekt nach ihrer Funktionsweise als Gedächtnisorte befragt werden. Es wird angenommen, dass in der späten Sowjetunion die Religion als ein Gedächtnisort im Noraischen Sinne zurückkehren konnte, da sie aus der kommunikativen Alltagsgegenwart bereits eliminiert worden war.
Das übergeordnete Erkenntnisinteresse des Projekts gilt den erinnerungskulturellen Ursachen der politischen Wende in der späten Sowjetunion. Speziell sollen Verschiebungen im Verhältnis von Fortschritt und Erinnerung bei der Transformation der sowjetischen „Erwartungsgesellschaft“ in eine Gesellschaft der „gestorbenen Zukunft“ am Beispiel der atheistischen Religionserinnerung betrachtet werden. Dieser Projektfokussierung gehen gedächtnistheoretische Vorüberlegungen und soziologisch gestützte Befunde voraus, wonach dem Religionsdiskurs eine Schlüsselrolle einerseits für den sowjetischen Erinnerungsboom und andererseits für die Erosion der kommunistischen Fortschrittsgläubigkeit seit den 1960er Jahren zukommt. Als Arbeitshypothese gilt, dass sich um die Religion ein subversiver erinnerungskultureller Gegendiskurs verdichtet und in den Rang einer normativen Vergangenheitsvergegenwärtigung erhoben hat, so dass er als „Religion des Bewahrens“ und „unsichtbare Religion“ beschrieben werden kann. Das Projekt untersucht eine „Wiederverzauberung“ der Welt im Zeichen der „abergläubischen Verehrung der Spur“ , die die atheistische Gedächtnispolitik nicht einfach von außen unter Druck setze, sondern auch von innen implodieren ließ.
Die Untersuchungsebenen definieren sich über den Zeitbegriff. Neben den die Vergangenheit und Zukunft vermittelnden atheistischen Einrichtungen nimmt die Untersuchung die Hauptträger des „antiquarischen Gedächtnisses“ (z.B. Denkmalschutz, Memorialfriedhöfe, Ikonensammlungen) und Institutionen der Zukunftsorientierung (Futurologie, wissenschaftliche Prognostik und Fantastik, Technikausstellung) in den Blick.



Projekt 2006/2007

Die "Natur" des Kalten Krieges

Populärwissenschaftliche Propaganda und Repräsentationen der Natur im geteilten Berlin 1948-1961

Das Projekt fragt nach Popularisierungspraktiken der Naturwissenschaften und damit verbundenen Formen der Naturrepräsentation im Kontext entsprechender kultur-, umwelt- und wissenschaftspolitischer Konzepte, die unter den Bedingungen des Ost-West-Konflikts in Berlin entstanden sind. Es geht von der These aus, daß nach der historischen Zäsur 1945 das Naturbild und die Mensch-Natur-Beziehung in Deutschland in der Form einer doppelten Alternative einerseits in der Distanzierung von der NS-Vergangenheit und andererseits in den gegenseitigen Limitationen konkurrierender Weltordnungen große ideologische Tragweite erhielten und im Berliner "Schaufenster" zum Feld einer unmittelbaren Systemkonkurrenz avancierten. Anhand einzelner Präsentationsmedien (z.B. die URANIA Ost und West, Berliner Grünanlagen u.a.) analysiert das Projekt die massenwirksame Darbietung von Natur und Naturforschung mit den Schwerpunkten Biowissenschaften, Naturschutz und Landschaftspflege sowie Physik, Astronomie und Raumfahrt, die das kulturelle Gedächtnis der geteilten Stadt langfristig prägte.


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