Als politische Emigration in die Bundesrepublik wird die Aufnahme von ausländischen Flüchtlingen und Asylsuchenden in der Bundesrepublik verstanden. Mit dieser Studie wird ein Untersuchungsgegenstand der historischen Migrationsforschung in die zeithistorische Betrachtung der westdeutschen Demokratie eingeführt der bisher nur von den gegenwartsbezogenen Sozialwissenschaften untersucht wurde. Die Geschichte der politischen Emigration in die Bundesrepublik während des Kalten Krieges wird auf drei miteinander verbundenen Untersuchungsebenen erforscht:
1.die Asyl- und Flüchtlingspolitik auf der Bundesebene, 2.die Praxis der Asylgewährung und Flüchtlingsaufnahme, 3.und die individuelle Flüchtlingsintegration in die Gesellschaft der frühen Bundesrepublik
In diesem Rahmen wird in der Studie davon ausgegangen, dass die ausländischen Flüchtlinge in der Bundesrepublik nicht bloß um Asyl nachsuchten, sondern auch um gesellschaftlicher Anerkennung ihres Status bemüht waren, indem sie ihr Emigrationsschicksal in symbolisches Kapital umzuwandeln trachteten. Dieser Anerkennungsprozess wird in seinen medialen Repräsentationen und in seiner individuellen Praxis, zwischen Flüchtlingsaufnahme und Integration untersucht. Mit diesem Perspektivwechsel innerhalb der Untersuchung - von den Institutionen (I+II) zu den Individuen (III) – werden die politischen Migranten als Akteure betrachtet, deren Handlungsräume sich in der Geschichte der westdeutschen Gesellschaft veränderten.
Die zeithistorische Untersuchungen zur politischen Emigration in die Bundesrepublik während des Kalten Krieges behandelt diese nicht als isoliertes Phänomen, sondern wird als Schnittpunkt einer Pluralität verschiedener ‚Geschichten’ verstanden. Diese Geschichte ist Teil der europäischen Wanderungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, sie gehört zur Geschichte des Ost-West-Konfliktes und sie ist ein integraler Bestandteil der Politik- und Sozialgeschichte der frühen Bundesrepublik. Mithin kann in der Studie der Frage nach etwaigen Kontinuitäten in der Asyl- und Ausländerpolitik und den Beziehungen zwischen „Fremden“ und „Einheimischen“ in Deutschland vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus nicht ausgewichen werden. Vor allem aber wird es in dieser Untersuchung darum gehen, das Verhältnis von politischer Konstellation und gesellschaftlicher Aufnahmebereitschaft in der Bundesrepublik Deutschland vor dem Hintergrund des Kalten Krieges zu analysieren. Es geht in dieser Studie nicht um eine Historisierung der bundesdeutschen Asyldebatte, sondern um die Rekonstruktion eines spezifischen transnationalen Migrationsfalls in der frühen Bundesrepublik. Anhand dieses Beispiels aus der deutschen Migrationsgeschichte soll exemplarisch der Prozess der Demokratisierung und Liberalisierung in der bundesdeutschen Gesellschaft im Zusammenhang der transnationalen Migration im Kalten Krieg in den Blick genommen werden. Die Geschichte der politischen Emigration in die frühe Bundesrepublik will so einen Beitrag zur deutschen Zeitgeschichte als einer Geschichte kultureller Vielfalt und sozialer Differenz in Deutschland liefern.
gefördert durch die DFG von 2004 bis 2006