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Dr. Friederike Sattler

Vita | Projekt | Publikationen

Staatssozialistische Entwicklungspfade. Die DDR, Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn im transnationalen Vergleich

Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (2006 – 2009)

Das Forschungsprojekt nimmt die „historischen Entwicklungspfade“ von vier staatssozialistischen Ländern systematisch vergleichend in den Blick. Die leitende Fragestellung richtet sich dabei auf das Verhältnis von vergleichsweise einheitlicher politischer „Systemprägung“ und dennoch deutlich unterschiedlichen länderspezifischen Entwicklungen, die sich aus den jeweils anders gelagerten sozialökonomischen und kulturellen Voraussetzungen und den jeweils anderen historischen Lernprozessen zwischen Gesellschaft und politischem System ergaben. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die sozialistischen Wirtschaftseliten und der Wandel ihres Verhältnisses zu den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Institutionen der zentralen Planwirtschaft. Nach mehrfachen, wenig erfolgreichen Reformversuchen zur Überwindung von Stabilitäts- und Legitimitätskrisen sind in den 1970er und 1980er Jahren auf allen vier Entwicklungspfaden deutliche, wenn auch sehr unterschiedlich ausgeprägte Hybridisierungs- und Informalisierungstendenzen im planwirtschaftlichen Institutionengefüge festzustellen, was nicht ohne Folgewirkungen auf die Handlungsspielräume, die Anforderungsprofile, die soziale Zusammensetzung sowie die Werthaltungen und Legitimationen, die Selbst- und Fremdbilder der Wirtschaftseliten blieb. Letztlich lassen sich diese Entwicklungen als Konsequenzen der wachsenden Herausforderungen durch die dritte industrielle Revolution und die damit verbundenen wirtschaftlichen Globalisierungsprozesse deuten, wie ein Blick über die politische Systemgrenze hinaus auf die westeuropäischen Wirtschaftseliten zeigt.

Aus dem Projekt ging u.a. der gemeinsam mit Christoph Boyer herausgegebene Tagungsband „European Economic Elites. Between a New Spirit of Capitalism and the Erosion of State Socialism“ (Berlin: Duncker & Humblot 2009) hervor. Die Ergebnisse insgesamt werden gebündelt in der Monografie „Im stählernen Gehäuse der Planwirtschaft? Wirtschaftseliten in Osteuropa (1945-1989/90)“ (in Vorbereitung).



Alfred Herrhausen. Manager und Symbolfigur des Rheinischen Kapitalismus

Biografische Pilotstudie zum Editions- und Forschungsvorhaben „Rheinischer Kapitalismus: Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in der Bonner Republik 1949 – 1990“ der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Seit dem Ende des Kalten Krieges wird in den Sozialwissenschaften eine lebhafte Debatte über die „Varieties of Capitalism“ geführt. Mit Blick auf Kontinentaleuropa ist dabei insbesondere die „Zukunftsfähigkeit“ des „Rheinischen Kapitalismus“ (Michel Albert) umstritten. Dabei wird gern auf die bis in das 19. Jahrhundert zurückreichenden, spezifisch deutschen Voraussetzungen dieser Variante von koordinierter Marktwirtschaft verwiesen, die sie noch immer deutlich von anderen Varianten unterscheidbar mache – trotz aller transnationalen Einflüsse. Dieser einhellige Befund erfährt allerdings höchst unterschiedliche Interpretationen: Erscheint der Rheinische Kapitalismus den einen als ein schwerfälliges „Auslaufmodell“, das den Anforderungen der Globalisierung nicht mehr gewachsen sei, so sprechen ihm andere sogar besondere komparative Vorteile im internationalen Wettbewerb zu; hervorzuheben sei vor allem die enge Kooperation von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zum Nutzen einer produktivitätsfördernden Ordnungspolitik. Das Editions- und Forschungsvorhaben der Historischen Kommission nähert sich dem umstrittenen, historisch bisher kaum erschlossenen Phänomen mit einer Arbeitsdefinition, die den vergleichsweise hohen Stellenwert diversifizierter Qualitätsarbeit, die strategisch motivierten, dichten Kapital- und Personalverflechtungen zwischen Industrie und Großbanken, das auf Universalbanken und einer politisch unabhängigen Notenbank beruhende, nicht unmittelbar auf den Kapitalmarkt ausgerichteten Finanzsystem mit hoher Priorität für Währungsstabilität, die auf den Interessenausgleich gerichteten Beziehungen zwischen „Kapital“ und „Arbeit“ und – nicht zuletzt – die aktive Rolle des Staates bei der Moderation dieser „Sozialpartnerschaft“ hervorhebt. Doch was an diesen Merkmalen und ihrer Kombination ist tatsächlich „spezifisch deutsch“, also durch die nationalstaatlichen politischen, sozialökonomischen und kulturellen Bedingungen geprägt? Und welche Mischungsverhältnisse mit transnationalen Einflüssen sind im historischen Verlauf zu beobachten? Ist es gerechtfertig, von einem produktivitätsfördernden Zusammenspiel von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zu sprechen? Welche Rolle spielten die besonderen Bedingungen der Nachkriegsprosperität in Westeuropa? In vier zentralen Untersuchungsdimensionen soll diesen Leitfragen genauer nachgegangen werden: in den Arbeitsbeziehungen, im Geld- und Finanzsystem einschließlich des Kreditwesens, in der Wirtschaftsordnungspolitik und in den reflexiven Diskursen über die normativen Leitbilder der Wirtschafts- und Sozialethik.

Die Pilotstudie wird am Beispiel der Karriere des Industrie- und Bankmanagers Alfred Herrhausen (1930 – 1989), der seine berufliche Laufbahn in den frühen 1950er Jahren in der westdeutschen, von kommunalen Interessenten maßgeblich mitbestimmten Energiewirtschaft begann, bevor er 1970er Jahre in den Vorstand der Deutschen Bank aufrückte und 1989 schließlich Opfer des Terrors der Roten Armee Fraktion wurde, die wesentlichen Elemente und das Bedingungsgefüge des Rheinischen Kapitalismus herausarbeiten und zugleich den Prozess der Ausdifferenzierung und des historischen Wandels dieser Form „koordinierter Marktwirtschaft“ eingehend analysieren. Das Hauptaugenmerk richtet sich dabei auf die in den vielfältigen, sowohl unternehmerischen als auch wirtschaftspolitischen und gesellschaftlich-kulturellen Tätigkeitsfeldern Herrhausens zum Ausdruck kommenden inneren Spannungen und wachsenden transnationalen Verflechtungen, die den Bestand dieses Wirtschaftsmodells seit den 1970er Jahren zunehmend in Frage stellten. Geklärt werden soll zudem, inwiefern Herrhausen als Phänotyp des „rheinischen Kapitalisten“ zu begreifen ist. Aus welchen Gründen entwickelte er sich zu einer Symbolfigur des Rheinischen Kapitalismus, die von dessen Befürwortern ebenso wie von dessen Kritikern in Anspruch genommen werden konnte - und noch immer kann? Hat das damit zu tun, dass Herrhausen selbst ein Mann der Widersprüche war, der in seinem Denken stark von der Schule des Ordo- und Neoliberalismus geprägt war und den Idealen der „Sozialen Marktwirtschaft“ verpflichtet blieb, sich in seinem Handeln aber immer weiter vom ursprünglichen Modell des Rheinischen Kapitalismus entfernte?

 

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