Zerklüftete Wohlstandsgesellschaften.
Armut, Wirtschaftskrise und Sozialstaat in der Bundesrepublik Deutschland und in Großbritannien
Seit dem Ende des postwar Golden Age erlebten die europäischen Gesellschaften die Rückkehr eines überwunden geglaubten Phänomens: die Wiederkehr der Armut in vielfältigen Formen. Mit der Armutspolitik nimmt die Studie eine wohlfahrtsstaatliche Grundfunktion in den Blick, die zunehmend an Bedeutung gewann, je mehr der keynesianische Vollbeschäftigungs-Sozialstaat in die Krise geriet.
Diese „Herausforderungen des Sozialstaats“ (F.-X. Kaufmann) betrafen die europäischen Staaten in ähnlicher Weise, sie wurden aber auf einem unterschiedlichen Niveau der sozialen Sicherung und in unterschiedlichen politischen, ökonomischen und soziokulturellen Kontexten wirksam. Das Forschungsprojekt wählt zur Kontrastierung solcher Differenzen den Vergleich zwischen der Bundesrepublik und Großbritannien, deren wohlfahrtsstaatliche Arrangements sich typologisch unterschiedlichen Grundmodellen zuordnen lassen. Der Vergleich erfolgt anhand dreier Leitachsen: In sozialgeschichtlicher Perspektive richtet die Studie ihren Blick auf die Entwicklung von Einkommensungleichheit und gruppenspezifisch verschieden ausgeprägten Verarmungsrisiken. Eine diskursgeschichtliche Perspektive stellt unterschiedliche Formen der Wahrnehmung und Definition von Armut in Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik in den Mittelpunkt. Eine politikgeschichtliche Perspektive untersucht Armutspolitik als Teil wohlfahrtsstaatlicher Krisenbewältigung.
Forschungsstrategisch zielt die Untersuchung darauf, das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts als Umbruchphase moderner Industriegesellschaften zu konturieren, soziale Ungleichheit als Schlüsselkategorie zeithistorischer Gesellschaftsanalyse zu profilieren und Sozialgeschichte analytisch eng mit der Geschichte des modernen Wohlfahrtsstaats zu verknüpfen.