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Sven Schultze

Vita | Projekt | Publikationen

Land in Sicht.
Die „Grüne Woche“ und die DDR-Landwirtschaftsausstellung in Leipzig-Markkleeberg in der deutschen Systemkonkurrenz 1948 bis 1961

Dissertation

Die deutsch-deutsche Systemkonkurrenz war umfassend. Vor allem hatte sie im kulturellen Bereich und im Alltag Bestand. Mit dieser Untersuchung, die sich auf weitgehend unbekanntes Quellenmaterial stützt, wird der Wettstreit zwischen den beiden deutschen Staaten und insbesondere im geteilten Berlin anhand der traditionsreichen Landwirtschaftsausstellungen „Grüne Woche“ und der Landwirtschaftsausstellung der DDR in Leipzig-Markkleeberg thematisiert. Im Vordergrund stehen Fragen nach den von beiden Seiten dargebotenen Überlegenheitskonzepten: Es werden sowohl landwirtschaftliche als auch politische Konzepte hinterfragt, wie diese in den jeweiligen Ausstellungen präsentiert und durch Exponate, Vorführungen, Filme usw. transportiert und schließlich welche Wirkungen im Alltag erzielt wurden. Den Analysekontext und Fokus bildet der Vergleich der beiden großen Ausstellungen. Die disproportional angelegten Vergleiche gehen davon aus, dass die „Grüne Woche“ durch ihre Lage im Spannungsgebiet Berlin sowie wegen ihrer hohen Besucherzahlen bedeutender und brisanter als die Exposition in Leipzig-Markkleeberg war. Das Projekt geht der Bedeutung und Funktion der Landwirtschaftsausstellungen als einer noch weitgehend freien Werbung für das jeweilige agrarpolitische Konzept nach, und erweitert somit überhaupt auch die derzeit kaum vorhandenen Erkenntnisse über die Funktion landwirtschaftlicher Ausstellungen und Ausstellungskultur im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Überdies liefert es Einblicke in das Methodenspektrum und die Wirkungsweisen der deutschen und Berliner Systemkonkurrenz.

Nach den großen Erfolgen landwirtschaftlicher und gartenbaulicher Ausstellungen in Deutschland seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde bald nach Ende des Krieges versucht, an diese Errungenschaften wieder anzuknüpfen. Bereits während der ersten Ausstellung 1946 in Markkleeberg wurde der Grundgedanke aller folgenden Landwirtschaftsausstellungen auf dem Gebiet der SBZ/DDR umgesetzt: Sie hatten vor allem Lehrschauen zu sein. Ab 1948 erfuhr die Berliner „Grüne Woche“ eine Wiederbelebung, wenn auch vorerst noch als Gartenbauausstellung. Damit kehrte in das stark zerstörte und von der Blockade durch die Sowjets heimgesuchte (West-)Berlin ein Stück Normalität und populärer Tradition zurück. Bald schon nahm die „Grüne Woche“ den Rang einer großen (später internationalen) Leistungs-, Konsum- und Lehrschau ein.

Mit Gründung der beiden deutschen Staaten und dem daraus entstandenen beiderseitigen Konkurrenzverhalten wurden auch die beiden Ausstellungen zu Zentren eines „Schaufensterwettbewerbes“ der einander entgegengesetzten Systeme. Durch die divergierenden deutsch-deutschen Entwicklungen in den 1950er Jahren wurden die beiden Expositionen nicht nur zu Foren landwirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und des fachlichen Austauschs, sondern vor allem der Überlegenheit der einen über die andere deutsche Agrarpolitik, die damit pars pro toto für ihre Referenzgesellschaft stand. Beide Ausstellungen, so die These, bildeten Brennpunkte des jeweiligen Systems. Bei der „Grünen Woche“ ist von großer Wichtigkeit, welchen Stellenwert die Ausstellung für die „Insel“ Berlin und bei der Politik der Abgrenzung zur DDR besaß. Generell gilt es den gesellschaftlichen Stellenwert zu eruieren, den beide Ausstellungen beim Systemwettstreit in Berlin und Deutschland einnahmen. Das Projekt soll auch klären helfen, in wie weit diese „Schaufenster“ eine nach innen gerichtete integrative Funktion erfüllten. Inwiefern war die „Grüne Woche“ das von der SED unterstellte Forum zum Austausch von Taktiken und Erfahrungen – besonders unter den Großbauern – wider die Kollektivierung der Landwirtschaft oder anderer sowjetischer Neuerermethoden in der DDR? Dabei wird berücksichtigt, dass der Zugang zu beiden Ausstellungen bis zum Mauerbau offen war.

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