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Dr. Jens Gieseke

Vita | Projekte | Publikationen

Die ostdeutsche Volksmeinung im Spiegel von Geheimdienstberichten und Meinungsforschung aus Ost und West

Laufzeit: Mai 2008 bis April 2013

 

Das Projekt zielt darauf, mit Hilfe von seriellen Berichtsquellen auf der Ebene der Gesamtgesellschaft der DDR die informelle Bildung und den Wandel von Einstellungen und Haltungen der DDR-Bevölkerung zu rekonstruieren. Die Grundlage der Untersuchung bilden zwei Quellengruppen: einerseits Stimmungs- und Lageberichte zu „Reaktionen der Bevölkerung“ des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR von 1958 bis 1989 sowie Lagemeldungen des Bundesnachrichtendienstes (sofern zugänglich), andererseits die Ergebnisse demoskopischer und soziologischer Forschungsprogramme von Infratest München sowie verschiedenen DDR-Stellen (ZIJ, IfM beim ZK der SED, Institut für Marktforschung, DDR-Rundfunk u.a.). Mit Hilfe eines solchen Zugriffs sollen die neueren mikrohistorischen Befunde zur Gestalt und Struktur kommunikativer Räume in der staatssozialistischen Gesellschaft auf die Ebene der Gesamtgesellschaft mit belastbaren, tendenziell repräsentativen Daten zurückbezogen werden.

Wissenshistorischer Ausgangspunkt dieses Zugriffs ist der Aufschwung (bzw. in der DDR selbst: der Konstituierung) soziologisch-quantitativer Erhebungsmethoden in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts und deren fortdauernde Bedeutung als Rückkopplungs- und Steuerungsinstrument für staatliche Stellen, zu dessen Empirismus das SED-Regime ein skeptisches bis ablehnendes Verhältnis pflegte.

Aus der kritischen Revision der Methoden, Kategorien und Befunde sowie aus der Kombination der unterschiedlichen Quellenreihen werden Haltungen der ostdeutschen Bevölkerung zu einem breiten Spektrum von politischen und sozialen Fragen sowie der Wandel dieser Haltungen über den Untersuchungszeitraum rekonstruiert.

In Kooperation mit analogen Projekten zu anderen staatssozialistischen Staaten (u.a. Polen und Sowjetunion) zielt das Projekt ferner auf eine vergleichende Rekonstruktion von kommunikativen Prozessen der subkutanen Konstituierung von „Gesellschaft“ unter kommunistischen Regimes, mit Blick auf die Bedingungen sozialer Stabilität und deren Erosion im Poststalinismus und späten Staatssozialismus.

 

Publikationen

  • Aufsatz: Annäherungen und Fragen an die „Meldungen aus der Republik“, in: Jens Gieseke (Hg.): Staatssicherheit und Gesellschaft. Studien zum Herrschaftsalltag in der DDR, Göttingen 2007
  • Aufsatz: Bevölkerungsstimmungen in der geschlossenen Gesellschaft. MfS-Berichte an die DDR-Führung in den 60er und 70er Jahren, in: Zeithistorische Forschungen 5(2008)2, S. 236-257 (erschienen 2009), http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Gieseke-2-2008
  • Aufsatz: „Seit langem angestaute Unzufriedenheit breitester Bevölkerungskreise“ - Das Volk in den Stimmungsberichten des MfS, in: Klaus-Dietmar Henke (Hg.): Revolution und Vereinigung 1989/90. Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte, München 2009, S. 130-148
  • Aufsatz: Machtfaktor – Utopie – Hypothek. Die SED und die Sowjetunion, in: Gieseke/Wentker (Hg.): Die Geschichte der SED – eine Bestandsaufnahme, Berlin 2011, S. 84-113.

 

Präsentationen (to be published)

  • Egalitarianism vs. Westernism? Social Values and Popular Opinion in East German Society, 1971-1989; GSA, Oakland/CA, 8.10.2010.
  • Whom Did the East Germans Trust? Popular Opinion on Threats of War, Confrontation and Détente in the GDR, 1968-1989; Conference „Trust, but Verify“. Confidence and Distrust from Détente to the End of the Cold War; GHI/CWIHP Washington DC, 8.11.2011
  • Die ostdeutsche Volksmeinung. Was Geheimdienstberichte und geheime Meinungsforschung aus Ost und West verraten, Dresden, 24.11.2011.

 

 

 

Die feinen Unterschiede der klassenlosen Gesellschaft. Eine Sozialgeschichte der SED-Diktatur

Laufzeit: Mai 2008 bis Ende 2014

 

Ziel des Projekts ist eine kompakte Darstellung zur Sozialgeschichte der SED-Herrschaft, die die Befunde der politischen Regimegeschichte mit Analysen der sozialen Strukturen und Erfahrungshorizonte in der DDR-Gesellschaft kombiniert. Es knüpft in der Fragestellung an die öffentlichen Debatten über das mentale und soziale Erbe des ostdeutschen Staatssozialismus an und bilanziert die ebenso intensive wie kontroverse Forschung seit dem Mauerfall zu Herrschaft und Gesellschaft in der DDR.
Ob „Pfeiffersche Pisspottthese“, mit der sozialpsychologische Deformationen auf die Sauberkeitserziehung in DDR-Kinderkrippen geschoben wurde, die Warnung vor der „erzwungenen Proletarisierung“ des Ostens oder die Rede von der gemütlichen „Arbeiterlichkeit“ – die Debatte ist voll von Bildern über das Leben in Ostdeutschland. Oftmals prallen die Offenbarungen über die offenen und verdeckten Methoden der Diktatur, die Erinnerungen an Disziplinierung und Unterdrückung unvermittelt auf eindrucksvolle Bilanzen des Sozialstaats DDR, Schilderungen des gemütlichen Brigadelebens oder die Erinnerung an eine Literaturszene, die sich in der Auseinandersetzung mit der Macht gleichermaßen zensiert wie beachtet fühlte.
Vor diesem Hintergrund bilanziert das Buch die aktuelle Forschung über vierzig Jahre DDR – mit Blick auf die Entwicklung grundlegender Strukturen der Gesellschaft wie etwa die sozialen Folgen der politisch induzierten Ungleichheit und das Sterben und Entstehen gesellschaftlicher Milieus. Daneben stehen politisch-kulturelle Prozesse im Zentrum der Analyse wie etwa der Wandel in der mentalen Verfassung als postfaschistische Gesellschaft, die Folgen von Militarisierung und Untertänigkeit sowie deren Gegenkräfte, aber auch die Herausbildung der gesellschaftlichen Basis für die demokratische Revolution des Herbstes 1989. Das untersuchte gesellschaftliche Spektrum reicht dabei von der herrschenden Nomenklaturaschicht über die kulturell-wissenschaftliche sozialistische Intelligenz und die „schweigende Mehrheit“ bis zu den oppositionellen Milieus.

 

Publikationen

  • Hg. mit Klaus Gestwa; Themenheft Soziale Ungleichheit im Staatssozialismus. Zeithistorische Forschungen 10 (2013) 2.
  • Soziale Ungleichheit im Staatssozialismus – eine Skizze, in: Zeithistorische Forschungen 10 (2013) 2, S. XX-XX.
  • Ungleichheit in der Gesellschaftsgeschichte der DDR, in: Zeiträume. Potsdamer Almanach des Zentrums für Zeithistorische Forschung 2008, Göttingen 2009, S. 48-57.

 

 

Late Chekism and the Concepts of Violence

 

(Teilprojekt des SAW-Netzwerks „Physical Violence and State Legitimacy in Late Socialism“)

 

Das Projekt hat zum Ziel, die Veränderungen in der Ideologie und kulturellen Praxis des „Tschekismus“ als legitimatorischer Ordnung kommunistischer Geheimpolizeien in der Phase nach dem stalinistischen Terror bis zum Zerfall des Kommunismus in Europa zu analysieren. Diese Phase war von einem sukzessiven Prozess der Rücknahme und Abmilderung physischer Gewaltakte in der Verfolgungspraxis der Staatssicherheitsdienste geprägt. Damit ging ein kontrovers zu deutender Methodenwandel hin zu psychischem Druck einher. Zugleich beharrten die Staatsparteien und ihre Geheimpolizeien auf der Legitimität der Gewaltanwendung. Im Moment des Zerfalls kommt es zu unterschiedlichen Transformationen: die gewaltfreien Revolutionen unter Auflösung der Geheimpolizeien, Gewaltausbrüche in Rumänien, eine „Entkommunisierung“ des „Tschekismus“ bei ansonsten hoher Kontinuität im Selbstverständnis und Gewaltlegitimation in der Sowjetunion/Russland.

Diese Prozesse werden in einem oder mehreren Aufsätzen auf der Basis von Quellenstudien sowie Sekundäranalysen der einschlägigen Fachliteratur untersucht und damit zugleich kulturhistorische Perspektiven der Geschichte kommunistischer und anderer staatlicher Gewaltorgane diskutiert.

 

Publikationen

  • Der entkräftete Tschekismus. Das MfS und die ausgebliebene Niederschlagung der Konterrevolution 1989/90, in: Martin Sabrow (Hg.): 1989 und die Rolle der Gewalt, Göttingen 2012.
  • Tschekistische Ideologie, in: Roger Engelmann u.a. (Hg.), Das MfS-Lexikon. Begriffe, Personen und Strukturen der Staatssicherheit der DDR, Berlin 2011, S. 152-155.

 

 

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