Reflexionen des gesellschaftlichen Umbruchs von 1989/90 in den Texten jüngerer deutscher und tschechischer Autoren
Dissertation, gefördert durch den Schroubek-Fonds der LMU München
Das Projekt widmet sich einer vergleichenden Analyse literarischer Texte junger deutscher und tschechischer Autoren, die sich mit den letzten Jahren der DDR bzw. ČSSR sowie den Ereignissen von 1989/90 und ihren gesellschaftlichen Folgen beschäftigen. Dass in der „Generation“ der in den 1970er Jahren geborenen Autoren eine Hinwendung zu Fragen des Umgangs mit der jüngsten Vergangenheit erfolgt, ist seit Jana Hensels Bestseller Zonenkinder (2002) und den zahlreichen darauf folgenden autobiographischen Veröffentlichungen anderer Autoren nicht mehr zu übersehen. Das Interesse an der literarischen Beschäftigung mit der DDR bzw. ihrem „Erbe“ geht jedoch weit über rein autobiographische Rückblicke hinaus und zeigt sich auch in zahlreichen anderen aktuellen literarischen Texten, in denen unter dem Blickwinkel von Kontinuität und Wandel verstärkt der gesellschaftliche Umbruch der 1990er Jahre in Ostdeutschland in den Blick genommen wird (Clemens Meyer, Jochen Schmidt, Judith Zander, Julia Schoch).
In der gegenwärtigen tschechischen Literatur gibt es zwar ebenso Schilderungen jüngerer Autoren über ihre Kindheit in der ČSSR, doch auffälliger ist eine betonte Kosmopolitisierung von Themen und Schauplätzen (Petra Hůlová, Jaroslav Rudiš, Markéta Pilátová, Šimon Šafránek, David Zábranský). Viele junge Autoren siedeln ihre Romanhandlungen im Ausland an und wenden sich damit scheinbar bewusst von den gesellschaftlichen Themen im eigenen Land ab. Doch immer wird durch die Brille der Auslandserfahrungen auch ein Blick zurück auf die eigene Gesellschaft geworfen und durch das Kontrastieren von Selbst- und Fremdbildern rücken Fragen der Identität und Selbstverortung innerhalb der Europäischen Union in den Mittelpunkt.
Durch den Vergleich ausgewählter Texte sollen Ähnlichkeiten und Unterschiede in Bezug auf die literarische Verarbeitung des Systemumbruchs von 1989/90 seitens der jüngeren Autoren beider Länder sichtbar gemacht werden. Auf welche Weise stellen die Autoren sowohl inhaltlich-thematische als auch ästhetische Rückbezüge zur Gesellschaft und Literatur der DDR bzw. ČSSR her und wie sind sie mit (generationsspezifischen?) Problemen der Selbstverortung in der Gegenwart verknüpft? Der Vergleich zweier Literaturen des ehemaligen Ostblocks und ihrer aktuellsten Entwicklungen bietet darüber hinaus die Chance, auch hinsichtlich des europäischen Integrationsprozesses Tendenzen festzustellen.