Gespaltene Erinnerung?
Der Zweite Weltkrieg in der Geschichtskultur der Volksrepublik Polen
Dissertation, gefördert von der Humboldt-Universität zu Berlin
Gegenstand der Untersuchung sind die Repräsentationen des Zweiten Weltkrieges in der oppositionellen und der offiziellen Geschichtskultur Polens – von der Institutionalisierung einer demokratischen Opposition ab 1976 bis zum Ende der Volksrepublik. Im Laufe des „langen Transformationsprozesses“ (Claudia Kraft) der polnischen Geschichtskultur pflegten Opposition und Regime diametral entgegengesetzte und zugleich aufeinander bezogene historische Diskurse. Diese zielten auf die Legitimierung bzw. Delegitimierung der herrschenden Machtverhältnisse und stellen damit einen wesentlichen Aspekt der politischen Auseinandersetzung sowie des gesellschaftlichen Wandels zu einer pluralen Öffentlichkeit dar. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg nahm bei diesem Konflikt um historische Deutungsmacht aufgrund seiner unmittelbaren Relevanz für die Genese der Volksrepublik eine herausragende Rolle ein.
Eine vergleichende Analyse des oppositionellen und des offiziellen historischen Diskurses kann sich auf die reichhaltige oppositionelle Publizistik stützen, wobei neben der für die polnische Geschichtskultur typischen historiosophischen Essayistik vor allem Berichte über oppositionelle Gedenkveranstaltungen, Kommentare zu offiziellen Gedenkritualen u. Ä. von Interesse sind. Für die symbolische Dimension der Erinnerung ist zudem visuelles Material wie Plakate, Postkarten, „Untergrund-Briefmarken“ usw. von Bedeutung. Dieses Untergrundmaterial ist zu kontrastieren mit einschlägigen Materialien der Parteistellen, der Sicherheitsorgane und der staatlich gelenkten Medien.
Leitende Kategorie für die Untersuchung ist die politische Funktionalisierung von Erinnerungskonstrukten im Rahmen des Antagonismus zwischen Staats- und Parteiführung und den verschiedenen Gruppen der zivilgesellschaftlichen Opposition.