Menschenrechtsdiskurs und ‚neuer Humanitarismus’ in der postkolonialen Weltordnung
Dissertation, gefördert von der Studienstiftung des Deutschen Volkes
In den Sommer- und Herbstmonaten 1968 provozierten Medienberichte vom menschlichen Leid im Nigerianischen Bürgerkrieg (1967-1970) weltweit empathische Reaktionen. Die Wahrnehmung des Konfliktes als humanitäre Katastrophe verdichtete sich in der Ikone der hungernden Kinder in der sezessionistischen Republik Biafra. Insbesondere in den demokratischen Staaten des Westens wurden Biafrakomitees gegründet, die Protestaktionen orchestrierten. Teile dieser ad hoc gebildeten Assoziation gingen später in dem transnationalen Menschenrechtsregime auf, das sich in den letzten rund vier Jahrzehnten in der internationalen Politik etablierte; das prominenteste Beispiel sind die Médecins Sans Frontières, die aus dem Comité de Lutte contre le Génocide au Biafra hervorgingen. Diese Organisationen schildern die Erfahrung des Biafrakrieges in der Form eines Ursprungsmythos eines ‚neuen Humanitarismus’, der, als Teil einer entstehenden globalen Zivilgesellschaft, internationale Politik nachhaltig verändert habe; die Ideen der Menschenrechte und der humanitären Intervention hätten es der internationalen Gemeinschaft erstmals ermöglicht nationalstaatliche Macht zu kontrollieren. Dieser Wandel in der internationalen Politik wurde bis dato aber kaum historisch überprüft. In diesem Dissertationsprojekt wird deshalb versucht, den Biafrakrieg als Einstiegspunkt für eine transnationale Geschichte des Humanitarismus und der Menschenrechte in den Beziehungen zwischen der ‚Dritten Welt’ und ‚dem Westen’ in der vermeintlichen Umbruchsphase der späten 1960er und 1970er Jahre zu nutzen. Das Projekt wird sich diesem Gegenstand erstens über die zeitgenössische politische Kommunikation über den Krieg sowie seine medialen Repräsentationen nähern, zweitens über die Geschichte einiger NROs und drittens über die Ebene von wissenschaftlichen Publikationen innerhalb des diskursiven Feldes von Menschenrechten und Humanitarismus. In dem Projekt wird der Versuch unternommen, die Instrumente historischer Semantik und Diskursanalyse mit einer transnationalen Perspektive zu verbinden.