Der „Apparat“ des Zentralkomitees als Regierungszentrum der DDR. Politik- und Gesellschaftssteuerung als Problem des Staatssozialismus (1963–1989)
Das Projekt ist Teil des Kooperationsprojekts „Die SED zwischen Mauerbau und Mauerfall, Gesellschaftsgeschichte einer kommunistischen Staatspartei“. Gegenstand ist der „Apparat“ des Zentralkomitees der SED und damit jene Abteilungen, Büros und Kommissionen, in denen die Entscheidungen von Politbüro und Sekretariat vorbereitet und getroffene Entscheidungen gegenüber der territorialen Parteiorganisation und staatlichen Institutionen durchgesetzt wurden. Der klassischen Politikgeschichte erschien dieser „Apparat“ in der Regel als reibungslos funktionierende und straff hierarchisch organisierte Parteibürokratie, welche die Entscheidungen der Parteiführung widerspruchslos umsetzte und aufgrund dieser Konformität als Forschungsgegenstand wenig attraktiv war.
Demgegenüber wird dieser Apparat hier als faktisches Regierungszentrum der DDR gedeutet, dessen Charakter durch die Überprüfung von zwei Leitthesen sichtbar werden soll. Einerseits wird der Apparat aus der Perspektive der Politikfeldanalyse als relativ eigenständiger „Policy-Akteur“ gedeutet, dessen leitende Mitarbeiter über beträchtliche Handlungsspielräume verfügten und steuernd in Staat und Gesellschaft eingriffen. Andererseits wird er, ausgehend von den Konzeptionalisierungsangeboten der Institutionen- und der Organisationstheorie, als institutionelles Sozialsystem interpretiert, das sich durch Differenzen zur Umwelt (in diesem Fall: zu Staat und territorialer Parteiorganisation) konstituierte und das die Wirklichkeitsdeutungen seiner Angehörigen determinierte, deren Handlungsmuster stärker durch Koalitionen, Netzwerkgefüge und Positionskämpfe als durch strikte Parteidisziplin und Hierarchie im Sinne des „demokratischen Zentralismus“ geprägt waren.
Die Leitfrage des Projekts zielt auf die Funktion dieses Apparats innerhalb des funktional entdifferenzierten politischen Systems der DDR. So soll vor allem ausgelotet werden, inwiefern diese Parteibürokratie Defizite der Entscheidungsgremien auf dem Feld der Gesellschaftssteuerung kompensierte – beziehungsweise, in den 1980er Jahren, immer weniger kompensierte.
Aus den beiden Leitthesen und aus dieser Leitfrage ergeben sich drei Untersuchungsfelder: Erstens werden die Kompetenzen und die institutionelle Entwicklung des zentralen Parteiapparats dargestellt. Zweitens soll dessen Organisationskultur rekonstruiert werden, wodurch sowohl die besondere Art der Informationsgewinnung und verarbeitung als auch Vergemeinschaftungsprozesse, überindividuelle Leitbilder und Denkstile sowie soziobiographische Voraussetzungen zum Untersuchungsgegenstand werden. Drittens wird es darum gehen, zeitlich und inhaltlich differenziert die Entscheidungspraxis sowie die Handlungsspielräume und -grenzen des „Apparats“ nachzuzeichnen und die Befunde durch Fallstudien zu vertiefen.