Die SED im Territorium – Parteipräsenz und regionale Herrschaftspraxis (1961-1989)
Das Dissertationsprojekt nimmt die SED-Kreisleitungen als Herrschaftsinstanzen der Staatspartei in den sozialen Nahräumen der Gesellschaft in den Blick. Die örtlichen Parteileitungen nahmen aufgrund ihrer Verortung an der Schnittstelle zwischen Herrschaftsapparat und der konkreten Lebenswelt der Bevölkerung beutende Steuerungs-, Informations- und Koordinierungsfunktionen für das SED-Regime wahr und leisteten damit einen wesentlichen Beitrag zur Stabilität der Diktatur.
Im Zentrum des Interesses steht die soziale Praxis der Herrschaftsausübung und damit die Frage wie die SED-Kreisleitungen den Führungsanspruch der SED in der sozialen Wirklichkeit ihres Territoriums umsetzten. Neben Anleitungs- und Kontrollmechanismen werden auch personale und funktionale Beziehungsgeflechte auf lokaler und überregionaler Ebene analysiert. Dabei wird die These verfolgt, dass die Kreisleitungen mit ihrer spezifischen Herrschaftspraxis ihre Handlungsmöglichkeiten in den engen Grenzen des hierarchischen Organisationsgefüges der SED und der DDR erweiterten. Dadurch schafften sie sich Handlungsspielräume, die sie im Sinne der Stabilisierung des Regimes nutzten.
Daneben wird auch die Verortung der Kreisleitungen im Herrschaftsgefüge der SED und der DDR untersucht und damit die Rahmenbedingungen der Herrschaftspraxis abgesteckt. Aufgrund ihrer „inbetween“-Situation agierten die örtlichen Parteileitungen zwangsläufig inmitten einer Fülle von Zwängen und gegensätzlichen Anforderungen und waren einem doppelten Druck ausgesetzt. Einerseits wurden Anliegen und Forderungen der Bevölkerung an sie herangetragen, andererseits forderten die übergeordneten Parteileitungen die konsequente Umsetzung ihrer Beschlüsse ein.
Nicht zuletzt werden auch die lokalen Funktionäre, ihre Karrierewege, ihr soziales Profil, ihre Selbstwahrnehmung sowie ihre Führungsstile untersucht. Besonders in den Blick genommen wird die Prägung dieser Personengruppe durch die spezifische Organisationskultur der SED und ihres Apparates.
Als Fallbeispiel dient der Kreis Brandenburg/Havel.
Das Dissertationsvorhaben ist in das Forschungsprojekt „SED-Geschichte zwischen Mauerbau und Mauerfall. Gesellschaftsgeschichte einer kommunistischen Staatspartei“ eingebunden.